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ZurückFreundschaft und Brustkrebs

Eine möglicherweise verwirrende Angelegenheit bei der Bewältigung von Brustkrebs

Freundschaft und Brustkrebs

Sehr häufig liest man von großartigen Freunden: Von jenen, die augenblicklich „die Reihen schließen“, sobald sie von Ihrer Brustkrebsdiagnose erfahren, und Unterstützer zusammentrommeln, die sich dabei abwechseln, Sie zu Arztterminen zu bringen, Ihnen an schlechten Tagen beizustehen oder Ihre Familie versorgen, wenn Ihnen allein beim Gedanken an Essen schlecht wird. Es gibt keine besseren Geschichten über Freundschaft und sie verdienen es, erzählt zu werden.

Die meisten Frauen, die diesen Leidensweg beschreiten, stellen sich darauf ein, ihr Haar, ihr Essen, ihr Gedächtnis und sogar ihre Brüste zu verlieren. Doch nur wenige Frauen sind darauf vorbereitet, entlang des Weges auch einige ihrer ältesten und treuesten Freundschaften einzubüßen. Glücklicherweise bleibt diese Enttäuschung vielen erspart, sind die meisten Freundschaften doch absolut unerschütterlich. Sollten Sie jedoch ihre Behandlung bereits hinter sich oder soeben begonnen haben und feststellen müssen, dass jemand nicht wie sonst immer persönlich oder emotional für Sie da ist, dann sind Sie damit keineswegs allein.

Was macht eine gute Freundschaft aus?

Vielleicht sollten wir zunächst festlegen, was genau „Freundschaft“ bedeutet. Das Wörterbuch definiert einen Freund als: jemand, der anderen durch Zuneigung verbunden und nicht feindlich gesinnt ist; als einen Bekannten oder jemand aus demselben Land, derselben Gemeinschaft oder Gruppe. Beachten Sie, dass „Freunde“ also nicht unbedingt Menschen sind, die mit schwerwiegenden Schicksalsschlägen umgehen können. Obwohl wir uns in Freundschaften möglicherweise genau danach sehnen, wird uns gerade das mitunter vorenthalten. Gut möglich, dass wir uns diese Eigenschaft erst gar nicht erwarten sollten.

Krebs hat das Zeug dazu, ein Leben vollständig umzukrempeln. Für Patientinnen bedeutet das häufig, sich einer Chemo- und/oder Strahlentherapiesitzung nach der anderen zu unterziehen, sowie große Unsicherheit in Bezug auf Behandlungsergebnisse und unablässige Befürchtungen hinsichtlich der kurz- und langfristigen Wirksamkeit einer Therapie. Dementsprechend ändert sich die Beziehung von Patientinnen zu ihren Freunden häufig ganz grundlegend.

Beispielsweise könnte zuvor sehr pedantischen Frauen plötzlich nicht mehr wichtig sein (oder überhaupt auffallen), ob bestimmte Dinge korrekt ablaufen. Stimmungskanonen könnten vorübergehend zu echten Spaßbremsen werden. Und frühere Leitwölfe verspüren vielleicht schlagartig den Wunsch, andere mögen entscheiden, wohin die Reise geht. Diese Veränderungen können für die Patientinnen ebenso frustrierend sein wie für all jene, die sonst noch davon betroffen sind. Und es liegt auf der Hand, dass sie Freundschaften auf eine harte Probe stellen können.

Warum und weshalb

Es gibt ebenso viele verschiedene Gründe dafür, warum sich jemand nicht mehr blicken lässt, während Sie durch die Hölle gehen, wie es Freunde gibt. Und obwohl es schmerzlich ist, hilft vielleicht ein Blick auf die Persönlichkeit und die Lebensumstände der sich verweigernden Personen.

Freunde, die als natürliche „Problemlöser“ gelten

  • fühlen sich möglicherweise: emotional, finanziell oder geistig schlecht gerüstet, um Ihnen zu helfen
  • ...weshalb: sie wie in einer Schockstarre verharren


Freunde, die gute „Beobachter“ sind

  • fühlen sich möglicherweise: unsicher und haben Angst, etwas Falsches zu sagen
  • ...weshalb: sie einfach gar nichts mehr sagen 


Freunde, die zu den aufrichtig „Besorgten“ gehören

  • fühlen sich möglicherweise: durch Ihre Krankheit eingeschüchtert und ebenso verletzlich
  • ...weshalb: sie sich mit diesen Gefühlen (oder Ihnen) nicht auseinandersetzen möchten.

Und für all diese Beispiele gilt, dass sich Ihre Freunde höchstwahrscheinlich auch dafür schämen, nicht zu wissen, wie genau sie Ihnen helfen sollen.

Wie also lassen sich erhaltenswerte Freundschaften kitten? Einen Versuch ist es wohl immer wert. Möglicherweise besteht die wichtigste Maßnahme darin, ehrliche Kommunikationswege zu öffnen. Irgendjemand muss das Gespräch beginnen, und so ungerecht es auch erscheinen mag, dabei sollte es sich möglicherweise gerade um die an Brustkrebs erkrankte Person handeln.

Der Freundschaftspfad ist keine Einbahnstraße

Freundschaft und Brustkrebs

Wenn Sie die Patientin sind (und sich der Sache gewachsen fühlen), rufen Sie Ihre Freunde an, schicken Sie ihnen eine E-Mail, einen Brief oder eine Karte mit der einfachen Botschaft „Ihr fehlt mir!“ Mehr müssen Sie gar nicht mitteilen. Nun liegt der Ball bei ihnen. Wenn den Angesprochenen die Freundschaft zu Ihnen wichtig ist und sie der Sache gewachsen sind, haben Sie ihnen den ersten Schritt erleichtert. Manchmal führt der Umstand, dass man zu viel Zeit verstreichen ließ, zu einer unangenehmen Situation. Sich an Ihre Freunde zu wenden, ohne ihnen Vorhaltungen zu machen, warum sie nicht für Sie da waren, könnte Ihnen Ihre Freunde zurückbringen, ohne sie damit zu beschämen, sich lang und breit rechtfertigen zu müssen.

Doch auch das Gegenteil ist wahr. Wenn Sie die Freundin sind, ist es nie zu spät, zum Telefon zu greifen bzw. eine E-Mail, einen Brief oder eine Karte zu verschicken, die dieselbe Botschaft enthält. ‚Du fehlst mir‘ sagt alles und teilt einer lieben Freundin unzweideutig mit, dass Sie gerne wieder mehr Zeit mit ihr verbringen möchten. Ist Ihre Freundin nach wie vor in Behandlung, sollten Sie versuchen, ihr Leben etwas angenehmer zu gestalten. Haben Sie einen lustigen Lieblingsfilm? Machen Sie ihr eine Kopie davon. Ein neues, köstliches Kochrezept? Bereiten Sie es zu und überraschen Sie sie damit! Je nach Zustand, in dem sich Ihre Freundin momentan befindet, kann schon etwas so Einfaches wie ein Hörbuch oder eine Topfpflanze – oder etwas Ausgefalleneres wie ein Thermenaufenthalt oder ein Mädelsabend das Richtige sein.

Mit Glück und Geduld lösen sich viele dieser Probleme ganz von allein. Leider kann es genauso gut sein, dass Sie mitten in Ihrer Behandlung den tief empfunden Wunsch haben, jemand möge begreifen, wie Sie sich fühlen – und Ihnen einen Besuch abstatten – aber niemand kommt. Das kann zwar sehr schmerzhaft sein, doch sollten Sie darüber hinwegkommen. Wenn Brustkrebs Ihnen etwas beibringen kann, dann dass Sie jedem die Gunst erweisen sollten, genauso zu sein, wie er hier und heute nun einmal ist – und nicht so wie sie ihn gerne hätten. Achten Sie außerdem darauf, nicht nur allen anderen sondern auch und gerade Ihnen selbst diese Gunst zu gewähren.

Und obwohl es sich mitunter so anfühlt, als hätten Sie durch Brustkrebs ein paar Freunde verloren, haben Sie unterwegs höchstwahrscheinlich ein paar neue dazugewonnen. Ihre Behandlung, Besuche von Selbsthilfegruppen, ja sogar Aufenthalte in Warteräumen bringen Sie mit anderen Menschen in Kontakt, die ähnliche Erfahrungen machen, wodurch häufig der Grundstein für neue Freundschaften gelegt ist. Zum Glück sind Sie nun in der Lage (und haben das uneingeschränkte Recht), für sich festzulegen, was Sie auf Ihrem weiteren Lebensweg unter Freundschaft verstehen möchten.

 

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19. November 2019

Fotos: Adobe Stock