„Schritt für Schritt – und zuerst die Haare“

„Schritt für Schritt – und zuerst die Haare“

Schönes, gesundes Haar ist für Frauen ein wichtiger Teil ihrer weiblichen Identität. Deshalb spielt die richtige Perücke im Rahmen der Chemotherapie eine große Rolle. Wir haben das Zweithaarstudio „Perücken Natürlich“ in Hamburg-Fuhlsbüttel besucht und dort zwei bemerkenswerte Frauen kennengelernt.

Auch wenn es schon über 20 Jahre her ist: Wiebke Hemmeckes Blick verdunkelt sich noch immer, wenn sie an den Perückenladen in einem Krankenhaus denkt. „Bestimmt habe ich schon schlimmere Orte gesehen“, sagt sie, und macht dann eine kleine Kunstpause, „aber an allzu viele kann ich mich nicht erinnern.“ 

Eine an Brustkrebs erkrankte Freundin hatte die damals hauptberufliche Friseurin Hemmecke gebeten, sie zu begleiten. Als Expertin, aber auch als emotionale Absicherung. Ihre Chemotherapie hatte gerade begonnen und es war klar, dass die Haare schon bald ausfallen würden. „Ich saß da neben einer jungen, etwas flippigen Frau mit Strähnchen und wunderschönen Locken“, erzählt sie mit ausladenden Gesten, die eine wilde Mähne nachzeichnen, „und dann ist da diese Frau im Kittel und kommt mit einer Oma-Perücke nach der anderen zu uns.“

Und all das in einem Raum, der mit seiner neonbeleuchteten, unpersönlich nüchternen Einrichtung vor allem eines kommunizierte: Du bist hier, weil du krank bist! Schließlich passierte, was passieren musste: Ihre Freundin stand, Tränen in den Augen, wortlos auf und lief nach draußen.

   

Weit weg von der Hektik

 

Für Wiebke Hemmecke war das der auslösende Moment. Sie wusste noch nicht genau wie, aber ihr war klar, dass man es ganz anders machen müsste. Also absolvierte sie eine weitere Ausbildung zur „geprüften Fachkraft für Zweithaar“ an der Deutschen Friseurakademie und begann in der Folge, sich mit viel Lust und Engagement einen eigenen Kundinnenstamm aufzubauen.

Dann war es endlich soweit: 2013 eröffnete die heute 53-Jährige im Hamburger Stadtteil Fuhlsbüttel ihr eigenes Geschäft, mit dem programmatischen Namen „Perücken Natürlich“ – in einer alles andere als geschäftigen Straße, ziemlich weit weg von der hektischen Hamburger City. Aber das war ihr nicht wichtig. Wer zu ihr kommen würde, wüsste genau warum. 

Frauen mit Brustkrebs im Netz

Im Internet gibt es viele Frauen mit Brustkrebs, die über ihre Krankheit und ihren Haarausfall bloggen. Sie schreiben über ihren Alltag, über die Chemotherapie, posten Fotos – nicht nur davon, wie ihnen die Haare ausgehen, sondern auch von ihrer Glatze (zum Beispiel „GlatziMaxi“). Die Fotografin Natalie Kriwy hat aus solchen Selbstporträts sogar ein Buch gemacht. Es heißt: „14/09 Tagebuch einer Genesung“ (zur Rezension).

Haare sind wichtig. Sie gelten in unserer Gesellschaft als Symbol für Weiblichkeit. Fallen sie aus, fühlen sich viele Frauen nicht nur nicht mehr schön, sondern nicht mehr vollständig – so als verlören sie mit ihrem Haar einen ganz entscheidenden Teil ihrer selbst. „Haarausfall durch die Chemotherapie ist ein unterschätztes Thema“, weiß auch Sabine Haase, Psychoonkologin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Sie kennt Patientinnen, die aus Angst davor mit dem Gedanken spielten, ganz auf die Chemotherapie zu verzichten.

Durch den Haarausfall wird aus der zunächst immer noch abstrakten Krankheit Brustkrebs plötzlich sichtbare Realität. Einige Frauen, die auf die Krebsdiagnose selbst vordergründig gefasst reagieren, brechen dann emotional zusammen. Sabine Haase spricht mit ihren Patientinnen darüber, wie sie aktiv mit dem Haarverlust umgehen können, etwa ihr Haar vor Beginn der Chemotherapie selbst zu kürzen oder auch sich frühzeitig über Perücken und andere Alternativen zu informieren. So nehmen sie die unweigerlich bevorstehende Veränderung in die eigene Hand. „Idealerweise sollen sie aktiv sein“, so Haase, „und selbst die Kontrolle übernehmen.“

 

„Schritt für Schritt – und zuerst die Haare“

 

Stars und Sternchen mit Glatze

 

Amelie Blume* ist so eine Frau. 2016 hatte sie eine Schwellung unter ihrer linken Achsel bemerkt. Allerdings war das Brustgewebe so fest, dass ihre Gynäkologin als Ursache fälschlicherweise eine Entzündung der Lymphknoten diagnostizierte. Erst viele Monate später schickte eine andere Gynäkologin sie ins Krankenhaus. Dort entnahmen die Ärzte ihr einen Lymphknoten und analysierten das Gewebe. Die Diagnose: „Verdeckter“ Brustkrebs in der linken Brust. Außerdem zeigte ein Gentest, dass Amelie Blume mit einer 70-prozentigen Wahrscheinlichkeit auch auf der rechten Seite Brustkrebs bekommen würde – deshalb die ärztliche Empfehlung: beidseitige Mastektomie. 

„Als die Diagnose feststand“, erzählt die 32-Jährige heute, „überfiel mich zuerst ein Gefühl völliger Sinnlosigkeit.“ Doch sie fing sich schnell, vertraute ihrer Stärke. Ganz bewusst versuchte sie, das Thema Operation für den Moment auszublenden. „Schritt für Schritt“, so ihre Maxime. Und zuerst waren die Haare dran.

Kann man auch mit Glatze gut aussehen? Stundenlang hatte Amelie Blume im Internet gesurft, Berichte gelesen, sich unzählige Fotos genau angesehen. Bei Google finden sich viele Stars und Sternchen mit Glatze: Natalie Portman, Demi Moore, Britney Spears. Egal aus welchem Grund sie ihre Haare abrasiert hatten, die Bilder waren erst einmal beruhigend.

Und noch etwas hatte die junge Frau im Netz gefunden: Die Homepage von Wiebke Hemmeckes Perückenstudio. Vielleicht keine sonderlich „hippe“ Seite, aber Amelie Blume fühlte sich angesprochen und rief an. Sie wollte den ersten Termin, solange sie noch ihr eigenes, kräftiges braunes Haar hatte. Ihre Perücke sollte wirklich ganz persönlich zu ihr passen, kein Massenprodukt woher-auch-immer sein, so wie man es sich für Fasching oder einen Junggesellinnenabschied besorgt.

Was ist verdeckter Brustkrebs?

In der Medizin wird ein verdeckter Krebs auch als „okkultes Karzinom“ bezeichnet (lat. occultus, heißt: „verborgen“, „verdeckt“, „geheim“). Okkult ist ein Tumor in der Regel dann, wenn er sich klinisch nicht feststellen lässt – also weder durch die Tastuntersuchung noch durch bildgebende Verfahren. Häufig wird ein solches Karzinom erst zufällig bei einer Operation gefunden und anschließend in der Gewebeuntersuchung (Histologie) nachgewiesen.

 

„Schritt für Schritt – und zuerst die Haare“„Irgendwie wirkt alles authentisch“

 

Kaum größer als 40 Quadratmeter ist das „Perücken Natürlich“. Weder Ikea-Style noch das letztlich immer gleiche Friseurambiente aus dem Einrichtungsbedarf, sondern eine beinahe private Mischung aus Künstleratelier und Werkstatt: An den Wänden hängt Gemaltes, jedes Möbelstück hat eine eigene Geschichte, alles ist in warmen Farben gehalten. Unweit des großen Frisierspiegels steht ein altes, weiß gestrichenes Klavier, auf das jeden Montag frische Blumen kommen. Und überall Perücken auf weißen Frauenbüsten mit modellierten Gesichtern.

Wer durch die Eingangstür geht, spürt sofort: Hier hat jemand etwas geschaffen, in dem sich andere wohlfühlen sollen und können. Als Amelie Blume das Geschäft betrat, hat es sofort geklickt. „Irgendwie wirkt alles authentisch“, sagt sie, „erst recht, wenn man Frau Hemmecke persönlich kennenlernt.“

Wer die beiden Frauen miteinander erlebt, würde sie ohne Weiteres für gute Freundinnen halten – was sie privat aber nicht sind. Wiebke Hemmecke ist es wichtig, sich auf jede einzelne Frau einzulassen: zugewandt, offen und jederzeit professionell. Empathie ja, Gefühlsduselei nein. „Wer mit einer solchen Diagnose zu mir kommt“, sagt sie, „soll hier seine Ängste und Anspannungen zumindest ein wenig loslassen können.“

 

Unterschiede zwischen den Perücken sind kaum noch auszumachen

 

Bis zur Übergabe der fertigen Perücke finden in der Regel zwei bis drei Sitzungen statt: das persönliche Kennenlernen, die Entscheidung für das richtige „Produkt“ und schließlich das finale Anpassen. Bei ihrem ersten Besuch war Amelie Blume allein im „Perücken Natürlich“, beim zweiten Mal hatte sie zwei enge Freundinnen dabei. 

Letztlich entschied sie sich für eine Perücke aus Mischhaar, ebenso robust wie hautverträglich, vor allem aber ihrem eigenen Haar maximal ähnlich – also auch schulterlang. Die Kosten trägt weitgehend die Krankenkasse, ihr Eigenanteil: 200 Euro. „Dafür hätte ich auch deutlich mehr gezahlt“, sagt sie, und fügt ohne Zögern hinzu: „Im Spiegel sehe ich nämlich genau die Frau, die ich bin.“

Wiebke Hemmecke hat unzählige Haarrohlinge in ihrer Werkstatt – in allen möglichen Farben und Längen, mal mit dünneren, mal mit dickeren Haaren, aus Naturhaar oder Synthetik. „Die Unterschiede sind heute kaum noch auszumachen“, sagt Hemmecke und hält zwei gleich aussehende Perücken nebeneinander – eine aus Echthaar, die andere aus Kunsthaar, „und auch die Knüpfknoten sind bei gutgemachten Perücken kaum zu erkennen.“ Auch wenn Naturhaar in der Regel teurer ist: Die Entscheidung sollte nicht am Materialpreis festgemacht werden. Es geht darum, was genau die Frau möchte und wie viel Zeit sie in die Pflege der Perücke stecken will.

 

„Danach kommt der Igelschnitt“

 

Kunsthaar hat den Vorteil, immer perfekt zu sitzen und wenig Arbeit zu machen. In der Regel reicht es, die Perücke einmal die Woche zu waschen und am Morgen etwas zurechtzuzupfen – „dann bekommt sie das richtige Volumen“, so Hemmecke. Im Vergleich zu natürlichen Haaren ist es mechanisch allerdings deutlich anfälliger. Stößt es gegen die Schulter oder reibt es an Textilien, entsteht Spliss und das Haar bricht.

Amelie Blume hat mit Beraterin Hemmecke vorausschauend schon die nächste Perücke klargemacht – die Krankenkassen zahlen für die Zeit nach der Chemotherapie eine zweite. Natürlich mit braunem kräftigen Haar. Denn bald wird Amelies Haar wieder zu wachsen beginnen. Diese Perücke wird aber einen kürzeren Schnitt haben. „Darunter werden dann schon meine eigenen Haare wachsen“, sagt sie mit einem breiten Lächeln. „Das schafft dann einen guten Übergang zu meinem neuen, echten Igelschnitt.“



*Name geändert

Hilfreiche Links


Und so geht es weiter

In den nächsten Wochen folgt Teil 2 unseres Besuchs bei Wiebke Hemmecke. Dann zeigt Ihnen die Zweithaarspezialistin in kurzen Videos, worauf es beim Knüpfen von Perücken ankommt und gibt Ihnen Styling-Tipps – nicht nur für Ihr Zweithaar, sondern auch zum Binden von Tüchern.

 

14. August 2017

Fotos: Tobias Gratz

 

Iris Hilgemeier

Von Iris Hilgemeier
E-Mail-Adresse: iris.hilgemeier@amoena.com

 



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