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„Brustkrebs erfordert Mut“ – Interview via Facebook

Amelie Blume haben wir während der Arbeit für die Reportage Schritt für Schritt – und zuerst die Haare kennengelernt. Aktuell befindet sich die 32-Jährige im fünften Zyklus ihrer Chemotherapie. Was ihr noch bevorsteht: Weitere fünf Wochen Chemotherapie sowie die beidseitige Mastektomie, weil sie durch einen Gentest erfahren hat, dass sie mit einer gut 70-prozentigen Wahrscheinlichkeit auch auf der rechten Seite Brustkrebs entwickeln wird. Wiederaufbau und Bestrahlung gehören ebenfalls zum Therapieplan.

Wir wollen Amelie Blume auf diesem Weg begleiten – und sie möchte ihre Erfahrungen teilen. In den kommenden Monaten werden wir sie deshalb regelmäßig via Facebook-Chat interviewen. Die Gesprächsprotokolle veröffentlichen wir dann hier im Amoena Life Magazin. Unser erstes Gespräch fand am 7. August 2017 statt.

Amelie Blume ist übrigens nicht ihr echter Name, sondern ein Pseudonym. Wie es dazu kam, können Sie in ihrem kürzlich gestarteten Blog Amelie Blume. Mein Leben mit Mamma-Ca nachlesen.

 

Bisherige Chats:
22. November | 9. November | 16. Oktober | 28. September | 21. September | 21. August | 7. August |

     
Stella Hombach 7. August, 10.23 Uhr Amelie Blume
     
Hallo Amelie, du hattest letzte Woche eine weitere Chemotherapie. Wie geht es dir momentan?

Hallo Stella, ja, ich hatte meine Chemo am Donnerstag. Heute geht es mir gut. Am Donnerstag während der Chemo hatte ich mit Übelkeit und etwas zu kämpfen. Das hat bis gestern angehalten. Ich habe aber Tabletten dagegen bekommen und das hat mir sehr geholfen, sodass ich fast einen normalen Alltag haben konnte.

Und emotional ist alles top?


Emotional ist es seit ein paar Tagen auch wieder ok. Ich hatte in den letzten 2 Wochen ganz schlimm mit meinen Ängsten zu kämpfen. Die Angst ist für mich das schlimmste am Krebs. Körperlich stecke ich die Chemo gut weg, aber die Angst, dass doch etwas bleibt oder dass etwas anderes kommt, ist manchmal sehr stark. Ich habe eine gute Psychotherapeutin, die das ganze mit mir bearbeitet, um langfristige Angststörungen zu vermeiden.

Was ist deine größte Angst momentan? Die Operation?

Mein Leben wird aktuell von vielen unterschiedlichen Ängsten begleitet. Die größte Angst habe ich davor, dass ich wieder erkranke und dann habe ich auch Angst vor der Angst, weil sie mich regelrecht lähmt. Dann habe ich auch manchmal Angst, dass ich meinen Job später nicht mehr weiter machen kann, dass sich mein Leben zu sehr verändert und ich nicht mehr ich bleibe. Vor der OP habe ich natürlich auch Angst. Wer hätte das nicht? Ich weiß insgesamt aber, dass ich auf einem guten Weg bin, da ich mich jetzt meinen Ängsten und Sorgen in der Psychotherapie stelle und mich damit auseinandersetze, somit bin ich für den späteren Alltag vorbereitet und gehe gestärkt aus der Krise hervor.

Hast du ein Beispiel, wie du das in der Psychotherapie lernst, also sich seinen Ängsten zu stellen?

In der Psychotherapie geht es darum, das Verdrängen der Angst zu vermeiden. Bei mir hat sich die Angst nämlich ein Ventil gesucht. Immer dann wenn ich in eine regelrechte Panikattacke gefallen bin, hat sich meine komplette rechte Körperhälfte lahm gelegt und ich konnte nicht mehr richtig sehen auf dem rechten Auge. Das hat dann ca. eine Stunde angehalten. Zuerst haben wir natürlich alle neurologischen Untersuchungen gemacht, um etwas körperliches auszuschließen. Jetzt in der Psychotherapie spreche ich einfach ganz offen mit meiner Therapeutin über meine Ängste, wie es sich anfühlt, was es mit mir macht. Es kostet Mut und viele, viele Tränen darüber zu reden. Seitdem ich mich damit auseinandersetze hatte ich den Ausfall der rechten Seite nicht mehr.
Ich bin der festen Überzeugung, alles das, was ich jetzt verdränge – holt mich so oder so später ein. Und ich bin so gepolt, dass ich den Tatsachen ins Auge sehen möchte.


Das hört sich gut an. Wie geht deine Familie eigentlich mit deiner Erkrankung um. Könnt ihr offen reden?

Mit meiner Mutter kann ich offen über wirklich alles reden und sie steht mir sehr bei. Ich hatte früher nie ein inniges Verhältnis zu meiner Familie, aber jetzt ist meine Mutter für mich da. Mein Vater kann nicht gut damit umgehen, er vermeidet das Thema. Mit meinem Bruder hatte ich seit der Diagnose wenig Kontakt, dafür mit seiner Freundin. Sie sagte mir immer wieder, dass es meinen Bruder sehr belastet.

Er kann daher nicht in Kontakt mit mir treten.

Ich habe ihr gesagt, dass sie ihm ausrichten soll, dass ich ihn verstehe, nicht böse bin und dass ich ihn liebe.


Fühlst du dich momentan denn ausreichend unterstützt?

Ja, ich habe ein sehr gutes soziales Umfeld. Meine Freunde sind großartig, meine Mutter und meine Tante sind super, ich vertraue meinen Ärzten und meiner Psychotherapeutin.

Du befindest dich momentan im fünften Zyklus der Chemotherapie. Wie viele stehen dir noch bevor?

Ja, die Chemos finden wöchentlich statt. Ich muss noch 5 Mal hin. Also noch 5 Wochen. Dann ist der größte Teil des Weges geschafft.

Und dann die OP?

Ja, dann kommt die OP, die beidseitige Mastektomie. Das heißt, das Brustgewebe wird aus beiden Seiten komplett entfernt und durch Silikon-Implantate ersetzt. Danach folgt 30 Tage täglich Bestrahlung, außer Samstag und Sonntag – also 6 Wochen. Danach folgt die zweite OP.

Diese findet statt, da sich das Silikon in der betroffenen Seite durch die Hitze bei der Bestrahlung verklumpen wird, somit wird es nach der Bestrahlung gegen ein neues Implantat ausgetauscht.


Wenn sich das Silikon durch die Bestrahlung verklumpt, warum wird es dir dann schon gleich nach der Mastektomie eingesetzt und nicht erst, wenn die Behandlung vorbei ist?

Bei der Mastektomie wird die Brust quasi komplett ausgehöhlt, nur die Haut bleibt stehen. Für die Haut muss es einen Platzhalter geben, sonst würde sie zusammenfallen. Ich stelle es mir vor, wie ein Luftballon, aus dem die Luft rausgelassen wurde.

Ich verstehe!
Nennst du deine Chemos eigentlich immer noch "Cocktailparties"?


Klar. Schwarzer Humor ist sehr wichtig in so einer Situation. Und die Tage danach sind mein Hangover.

Amelie, ich wünsch dir für deine nächste Cocktailparty alles Gute und wir hören uns Ende des Monats wieder.

Vielen Dank. Es hat mir Spaß gemacht.
Bis ganz bald.
     
Stella Hombach 21. August, 11.29 Uhr Amelie Blume
     
Hallo Amelie

Hallo Stella

Wie war dein Wochenende?

Mein Wochenende war aufregend.
Am Samstagabend war ich auf zwei Geburtstagen (beides sehr enge Freundinnen) eingeladen und musste mich zweiteilen. Ich habe mich total in Schale geschmissen, mich schön geschminkt und mir Wimpern angeklebt. Ich habe mich richtig wohl gefühlt.
Und am Sonntag habe ich meine kleine Nala, einen Hundewelpen, abgeholt. Sie wohnt jetzt bei mir und hält mich echt auf Trapp.




Das hört sich toll an – und Nala ist ein echt süßer Name! Warum hast du dir für die Feier Wimpern angeklebt?

Die Wimpern gehen mir nun leider nach und nach aus. Ein paar wenige sind noch da. Für den Alltag ist das für mich ok. Am Samstag wollte ich mal wieder die Alte sein und mich richtig gut fühlen, vielleicht ein bisschen flirten (undercover ;-)).

Das kann ich verstehen! Wenn du sagst: Du wolltest mal wieder "die Alte" sein, wie meinst du das genau? Würdest du sagen, es gibt eine "Amelie vor dem Brustkrebs" und eine "Amelie danach" bzw. "während"?

Ja, mein Leben fühlt sich gerade anders an. Vorher war ich die selbstbewusste starke Frau, die einfach drauf los ist und die Leute angequatscht hat und Scherze gemacht hat, dabei habe ich mich gut gefühlt. Jetzt ist es so, dass ich mich schon überwinden muss, so offen auf die Leute zu zugehen. In meinem gewohnten Umfeld ist das kein Problem, aber wenn ich neue Leute treffe, fühl ich mich etwas unsicher. Ich merke dann, dass meine Schale weich ist, mein Inneres verletzbar und deshalb brauche ich meine Maske, deshalb auch die Wimpern.

Für die "Amelie danach" hoffe ich, dass ich mit den gesammelten Erfahrungen gestärkt aus der Krise hervorgehe. Daran arbeite ich bereits mit meiner Psychotherapeutin.


Würdest du auch ohne deine Perücke auf die Straße gehen oder brauchst du diesen Schutz?

Ich brauche den Schutz. Mit Perücke sieht mir niemand etwas an, ich werde normal behandelt und kann dadurch auch in vielen Momenten alles vergessen.
Trotzdem fühle ich mich ohne Perücke sehr wohl. Ich mag meine Glatze.


Was sind deine Pläne für die Woche? Abgesehen davon, dass du Nasa stubenrein kriegen musst. 
Ich meine "Nala" – doofe Autokorrektur!


Stimmt, das ist schon eine sehr umfangreiche Aufgabe.
Heute Nachmittag habe ich meine wöchentliche Psychotherapie.
Heute, morgen und übermorgen bin ich jeweils mit Freunden verabredet, die wollen alle Nala kennenlernen.
Und Donnerstag geht es dann wieder zur Cocktailparty, aber daran möchte ich heute noch nicht denken.
Übrigens noch 3 Mal, d.h. in drei Wochen habe ich es hinter mir.

Cool! Dann ist der erste Teil ja bald geschafft.

Ja, darüber bin ich sehr froh. Das ist schon mal ein Meilenstein.

Hast du deiner Psychotherapeutin eigentlich von unserem Facebook-Gesprächen erzählt?

Ja, ich habe das mit ihr besprochen, weil ich mir nicht sicher war, ob dadurch irgendetwas aufgewühlt werden könnte. Wir sind beide der Meinung, dass dabei nichts ans Tageslicht kommen kann, was nicht sowieso schon da ist, da ich ja sowieso sehr offen mit der Krankheit umgehe.

Geht es in euren Sitzungen immer noch um das Umgehen mit Ängsten oder hat sich der Fokus inzwischen verschoben?

Mein Hauptthema sind immer noch meine Ängste. Drumherum ergeben sich aber auch noch andere Themen, wie z. B. der Umgang mit meinem sozialen Umfeld oder der Umgang meines sozialen Umfeldes mit mir. In einer solchen Krise merkt man tatsächlich, wer wirkliche Freunde sind und wer es eigentlich nie war.

Solche Erkenntnisse sind sehr schmerzhaft, wie ich festgestellt habe, deshalb spreche ich auch darüber mit ihr.


Haben sich manche Freunde wegen der Erkrankung tatsächlich von dir abgewandt?

Leider ja, ich nenne sie "Gutwetter-Freunde". Freunde, die immer nur da sind, wenn es mir gut geht, brauche ich nicht.

Ich muss aber im Umkehrschluss auch sagen, dass ich einige neue Menschen kennengelernt habe und, dass mir andere Menschen näher gekommen sind, von denen ich es nie gedacht hätte. Insgesamt, sehe ich es positiver, dass die Linse meiner Kamera gerade scharf gestellt ist und ich sehen kann, wer mir wirklich gut tut und wer nicht.


Tauscht du dich auch mit anderen Betroffenen aus?

Ja, das auch. Das tut gut, weil jemand der nicht selbst betroffen ist, die "Wehwehchen" oder Sorgen und Ängste nicht so gut nachvollziehen kann, wie meine Leidensgenossinnen.

Etwa, wie es sich anfühlt, wenn die Wimpern ausfallen.

Genau.

Ich kann es mir leider auch nicht vorstellen. Tut das weh?

Nein, das tut nicht weh.

Ich habe mir sagen lassen, dass es juckt, wenn sie später wieder wachsen.



Blöd ist, dass einem das Wasser beim Duschen direkt in die Augen fließt.

Ich benutze daher für meine Glatze Babyshampoo "ohne Tränen".


Ein guter Trick!

Ja, da muss man sich schon etwas einfallen lassen, um das Ganze so angenehm wie möglich zu gestalten.

Amelie! Vielen Dank für das Gespräch – und viel Erfolg für die nächste Cocktailparty. Ich freue mich schon auf unseren nächsten Chat!

Sehr gerne. Es hat mir wie immer Spaß gemacht.

Und drück Nala von mir!

Das mache ich.
Bis bald.


     
Stella Hombach 21. September, 10.14 Uhr Amelie Blume
     
Hallo Amelie, du hattest jetzt deine letzte Chemo. Wie geht es dir damit?

Hallo Stella,
ja, ich bin endlich durch damit. Ich freue mich riesig darüber, dass ich dieses Kapitel abschließen kann. Damit ist der erste riesige Meilenstein gesetzt. Allerdings merkt mein Körper jetzt auch die Erschöpfung und braucht dringend Erholung. In noch nicht mal einer Woche ist meine OP, ich versuche die Zeit bis dahin möglichst gut zum Entspannen zu nutzen.


Gestern hattest du dein erstes Vorgespräch. Ist dabei alles gut gelaufen?

Es waren mehrere Gespräche mit unterschiedlichen Ärzten, Gynäkologen, Anästhesisten, etc. Das meiste davon war Routine für mich. Ich vertraue den Ärzten zu 100 %, das gibt mir Gelassenheit.

Was mich gestern aber echt aus der Spur gehauen hat, war das Gespräch mit dem Chefarzt, indem er mir "Vorher-Nachher-Bilder" einer Frau zeigte, bei der auch eine subkutane Mastektomie durchgeführt wurde.

Das hat mich einige Tränen an seinem Schreibtisch gekostet und beschäftigt mich auch jetzt noch sehr.


Ach Scheiße! Warum hat er dir denn die Bilder gezeigt?
Wolltest du die sehen?

Ja, ich wollte sie sehen und habe ihn darum gebeten, sie mir zu zeigen. Ich bin so gepolt, dass ich mich immer mit den Dingen konfrontiere und auseinandersetze. Es war mir wichtig, dass ich mich gedanklich schon auf alles vorbereiten kann, damit der Schreck hinterher nicht so groß ist.

Die Bilder waren nicht schlimm, die neuen Brüste sahen sogar gut aus. Niemand würde je vermuten, dass da etwas gemacht wurde. Allerdings sahen sie anders aus als die echten Brüste der Frau, nicht mehr ganz so schön. Das hat mich traurig gemacht.

Der Arzt hat mich dann beruhigt, indem er meinte, dass an erster Stelle meine Genesung stehen sollte und nicht die Ästhetik.


Ach man. Das tut mir leid. Und er hat natürlich recht.
Wie sieht denn dein Entspannungsprogramm momentan aus?


Ich gehe viel mit meiner kleinen Hündin spazieren, lege mich in die Badewanne und danach aufs Sofa und versuche mir so wenig Stress wie möglich zu machen. Zu Hause bleibt jetzt auch mal was liegen und wenn ich keine Lust zum Kochen habe, bestelle ich mir einfach was.

Das hört sich gut an. Aber würdest du sagen, du ziehst dich gerade eher zurück, brauchst Zeit für dich oder gehst du auch gerne noch mit Freunden raus und redest über das, was in dir vorgeht?

Stimmt, das habe ich vergessen. Ich treffe auch mit meinen Freunden. Gestern war ich mit zwei Freundinnen beim Griechen essen. Ich habe mir dort alles von der Seele geredet und die beiden haben mir sehr viel positiven Zuspruch gegeben. Das tat wirklich gut. Insgesamt war der Abend total lustig, da es ja auch noch andere Themen gibt als meine Krankheit.

Ich denke, Rückzug wäre genau das Falsche in dieser Situation. Dabei droht die Gefahr in eine Depression zu fallen. Es ist wichtig sich abzulenken, sich gutes zu tun, die richtigen Menschen um sich zu haben und soweit es geht zu genießen, was man sich gönnt.

Es ist aber auch genau so wichtig, sich Zeit für sich zu nehmen, zu weinen, zu trauern, sich mit den Dingen auseinandersetzen.

Das ist manchmal angenehmer alleine, manchmal aber auch mit Freunden.


Das klingt ziemlich weise. Magst du vielleicht kurz erklären, was an der Brust, die der Arzt dir gezeigt hat, so "anders" aussah?

Danke

Ja klar, ich versuche das mal in Worte zu fassen.

Bei der neuen Brust fehlten so ein bisschen die Rundungen und sie sah etwas platt aus.

Man muss sich ja vorstellen, dass das Silikonkissen direkt unter der Haut liegt, somit hat die Brust die Form des Silikonkissens.

Bei einer gewünschten Brustvergrößerung aus ästhetischen Gründen wird das Silikonkissen unter das Brustgewebe gelegt, somit hat die Brust ihre Rundungen und besteht trotzdem aus "Fleisch und Blut".
Bei dem Brustaufbau nach Brustkrebs, wird das komplette Brustgewebe entfernt, sodass "Fleisch und Blut" quasi fehlen.

Es ist so schwer zu erklären.

Trotzdem sah es wirklich, wirklich gut aus und es würde niemandem auffallen, glaube ich.

Für mich ist es auch nochmal eine andere Geschichte, weil ich extrem viel Wert auf meinen Körper lege. Ich habe vor der Diagnose 3-4 Mal die Woche Sport gemacht und mich mit Low-Carb ernährt. Da bin ich sehr diszipliniert, was meinen Körper angeht und nach der OP werde ich dann halt ein Manko haben, für mich gefühlt. Mein Trost ist, dass Angelina Jolie es auch hat machen lassen.

Und sobald ich wieder fit bin, werde ich mit dem Sportprogramm weiter machen.


Helfen dir Menschen wie Angelina Jolie besser mit der Krankheit umzugehen?

Ja, das hilft mir sehr. Ich habe mir ein Bild von Sylvie Meis aus der Zeitung ausgeschnitten und an den Badezimmerspiegel geklebt.
Damit werde ich jeden Tag daran erinnert, dass es wieder bergauf geht.


Das Model Sylvie Meis kannte ich gar nicht – die habe ich gerade gegoogelt


Mal was anderes, wie läuft es eigentlich mit deinem Blog?


Da ich mir ja mein kleines Hunde-Baby Nala angeschafft habe, schaffe ich es überhaupt nicht mehr, mich um den Blog zu kümmern.
Ich investiere meine Zeit gerade damit, sie zu erziehen, das tut mir sehr gut.

Mal sehen, wann ich wieder dazu komme am Blog weiterzuarbeiten.
Im Moment möchte ich ja erstmal entspannen.


Wann ist denn die OP?



Die OP ist schon nächste Woche Mittwoch.

Das ist in der Tat recht bald. Wie lange musst du dann im Krankenhaus bleiben?



So zwischen 5-7 Tagen.

Und weißt du schon, wer dich zur OP begleitet?



Ja, meine Mutter kommt mit.

Super!


Magst du noch was loswerden, was dich momentan beschäftigt?



Mmmmmmhhhhhh..... aktuell konzentriere ich mich auf die OP und die Veränderung meines Körpers.

Alles andere kommt danach.

Meine Devise "Schritt für Schritt".


Dann wünsche ich dir alles alles Gute, entspann dich, lass die Tränen raus, wenn sie kommen

und wir hören uns, wenn du dich von der OP erholt hast.



Vielen Dank. Für dich auch alles Gute. Und genau, wir hören uns. Bis dann & lass es dir gut gehen.


     
Stella Hombach 28. September 2017, 11.10 Uhr Amelie Blume
     

Hallo Stella, die OP ist gut verlaufen. Die entnommenen Lymphknoten sind gesund!

Ach super! Das freut mich – geht es dir ansonsten auch einigermaßen gut?



Ich habe dolle Schmerzen, aber auch das geht vorbei. Das Schlimmste ist geschafft. Der zweite Meilenstein gelegt.

     
Stella Hombach 16.Oktober, 9.58 Uhr Amelie Blume
     
Hallo Amelie, wie geht es dir?



Huhu. Es geht mir soweit ok. Danke Bin erst am Samstag aus dem KH gekommen und muss mich grad erst mal einleben. Hatte ein paar Probleme mit dem einoperierten Material und deshalb 3 Wochen Fieber. Aber das ist jetzt geschafft.

     
Stella Hombach 9. November, 9.35 Uhr Amelie Blume
     
Hallo Amelie! 
  Es ist einige Zeit her, dass wir uns dass letzte Mal gesprochen haben. Inzwischen wurdest du operiert, warst erkältet und die Strahlentherapie hat begonnen. Meine erste Frage: Hast du die Operation gut überstanden?




Hallo Stella, 
  ja, das stimmt, es ist etwas länger her. 
  Die Operation war ok, allerdings hat mein Körper lange gebraucht um damit klar zu kommen. 
  Mir wurde eine Netzhaut (echte Haut eines anderen Menschen) implantiert, damit die Implantate einen besseren Halt haben. Mein Körper hat 3 Wochen lang mit Fieber darauf reagiert.
Diese ganze Zeit musste ich im Krankenhaus bleiben. Das war wirklich anstrengend. Vor allem waren die Schmerzen auch sehr heftig. Die Implantate wurden unter den Brustmuskel geschoben. Dementsprechend hatte ich übelste Muskelschmerzen.


Das klingt mies – und krass, dir wurde tatsächlich echte Haut transplantiert? 
 Von dieser Methode habe ich vorher noch nie gehört.




Ja, das ist eine Art Netz aus echter Haut. Das liegt aber unter meiner Haut, ist also von Außen nicht sichtbar. Es wurde verwendet, da meine Brust ja komplett ausgehöhlt wurde und nur noch meine Haut stehengeblieben ist. Diese war dann ziemlich dünn und hätte es nicht alleine geschafft das Silikonimplantat zu halten. Daher wurde meine Haut mit einer weiteren Schicht Haut stabilisiert.

Sind die Schmerzen denn heute besser bzw. weg?



Ja, die Schmerzen sind weg. Ich merke nur noch etwas, wenn ich schwer hebe, das sollte ich auch noch lassen für einige Zeit und zudem habe ich Nacken und Rückenschmerzen wegen der Schonhaltung. Zur Besserung wurde mir jetzt Physiotherapie verschrieben.

Das mit der Physio ist gut! Sage mal, wenn ich mir das so durchlese, was du über die Operation schreibst, klingt das für mich echt heftig. Wie fühlt es sich für dich an, so detailliert darüber zu sprechen?



Zunächst ist es so, dass mich mein Arzt gut auf alles vorbereitet hat, daher war ich auf so ziemlich alles vorbereitet. Zudem glaube ich, dass ich im letzten halben Jahr wirklich gelernt habe, was es heißt geduldig zu sein. Das hat mir in den 3 Wochen sehr geholfen. Zudem standen mir Ärzte und Krankenschwestern jederzeit zur Seite und meine Freunde und meine Mutter waren immer für mich da. Logo hatte ich auch Tiefs im Krankenhaus, weil das Fieber mich einfach nicht verlassen wollte - aber ich habe immer versucht das Beste aus Allem zu machen.

Das hört sich bei dir schon so abgeklärt an...



Und jetzt ist ja auch schon die Bestrahlung dran, das heißt, es ist keine Zeit mehr da, um über die OP nachzudenken. Ich denke, das werde ich alles nach und nach noch in meiner Psychotherapie bearbeiten. Insgesamt braucht alles seine Zeit bis ich es nach und nach verdaut habe.

Und wie fühlst du dich mit den Implantaten? Manche Frauen empfinden sie ja als eine Art Fremdkörper. Ist das bei dir ähnlich oder hast du dich bereits an sie gewöhnt?



Als Fremdkörper habe ich sie nie empfunden. Ich betrachte das Ganze aus zwei Sichtweisen. Auf der einen Seite war und bin ich froh, dass ich endlich die Implantate habe, weil ich mit dem Gefühl, dass der Tumor in der Brust ist, nicht mehr leben wollte. Auf der anderen Seite fühlt es sich natürlich komisch an und es sieht auch anders aus. Ich taste mich jeden Tag ein Stück weiter heran, meinen Körper und meine neuen Brüste so anzunehmen, wie es nun ist. Am Anfang konnte ich sie gar nicht anfassen. Das geht jetzt schon richtig gut. Kosmetisch ist alles noch längst nicht so, wie es sein soll,daher stehen noch einige OPs an. Aber darüber denke ich jetzt noch nicht nach.

Schritt für Schritt also und nichts überstürzen. Das klingt gut.


Wie war denn die erste Bestrahlung?



Die erste Bestrahlung war ganz schrecklich. Danach ging es mir richtig übel. Ich kam nach Hause und mir war übel, ich war müde und meine Nerven lagen richtig blank.

Was war so schrecklich?



Ich glaube, das war ein Zeichen dafür, dass alles ein bisschen viel ist. Ich spüre noch die Nachwirkungen von der Chemo, dann die schwere OP und dann schon wieder was neues. Das konnte ich einfach nicht so schnell integrieren. Ich glaube mein Körper war überlastet und angespannt, weil ich nicht wusste, was mich erwartet.

Verständlich. Ging es bei der zweiten Sitzung besser?



Ja, das war besser, aber es hat sich komisch angefühlt. Das Ganze findet im Strahlenzentrum in einem Kellerraum statt. Es ist quasi eine Massenabfertigung, weil das ganze nur 5 Minuten dauert. Da kommt einer nach dem anderen dran und man spricht mit niemandem. Total unpersönlich und nichts für mich. Das habe ich mit meiner Psychologin besprochen und seitdem nehme ich ein kleines Stofftier mit, was ich während der Bestrahlungszeit in der Hand halte. Etwas persönliches von mir. Es ist quasi ein Übergangsobjekt. Kleine Kinder haben das auch oft, z.B. die Kuscheldecke, die immer mit muss. Kinder benutzen das auch als Übergangsobjekt, damit sie immer etwas bekanntes dabeihaben, damit sie sich wohl fühlen.


Mein kleiner Stoffbär macht es mir viel erträglicher.

Gibt es da nicht mal irgendwelche Blumen oder hübschen Bilder, die das Warten bis man dran ist irgendwie erträglich machen?



Ein paar Bilder ja, aber irgendwie wirkt alles kalt und unpersönlich.

"Massenabfertigung" klingt grauenhaft – gerade in so einer Situation!



Ja, das stimmt, es ist auch nicht schön.

Ach das tut mir leid. Wie oft musst du denn noch hin?



Jetzt noch 22 Mal von 28. Ich habe jeden Tag einen Termin um 11.00 Uhr, außer an Wochenenden oder Feiertagen.

Uff!  
Wie geht es Dir ansonsten?




Ich bin müde und schwach mittlerweile. Meine Knochen schmerzen von der Chemo und meine Haut ist trocken. Es wird Zeit, dass Ende ist mit den Behandlungen. Gestern habe ich die Info bekommen, dass ich im Januar an die Ostsee zur Anschlussheilbehandlung fahre. Darauf freue ich mich.

Anschlussbehandlung ist die Reha nach der Bestrahlung?



Ja, genau.

Und wie geht es Nala? Schaffst du es regelmäßig mit der Kleinen rauszugehen – auch jetzt, wo du dich so schwach fühlst?



Nala geht es super.
Ja, es ist gut, dass sie da ist, so muss ich hoch und das hilft mir einigermaßen fit zu bleiben.


 



Apropos, wir müssen jetzt auch Gassi gehen, es ist an der Zeit.

Haha! Alles klar! Wollen wir nächste Woche weiter quatschen?



Ja, gerne.  

Schön! Da freue ich mich!



Ich mich auch.   Hab einen schönen Tag.

Dann drück Nala von mir und genießt die frische Luft  



Das mache ich.  

     
Stella Hombach 22. November, 10.52 Uhr Amelie Blume
     
Hallo Amelie! Bist du schon online?



Hallo Stella, jetzt ja.  

Schön! Ich habe vorhin gesehen, dass du bei WhatsApp ein neues Profilbild hast (was im Übrigen sehr schön ist!) und dass deine Haare schon wieder wachsen!



Vielen Dank.   Ja, ich hatte ein Fotoshooting, was mir sehr gut tat. Seitdem setze ich meine Perücke nicht mehr auf und gehe mit Kurzhaarfrisur. Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so viele Komplimente bekommen.



Das ist ja super! Wie kam es zu dem Fotoshooting?



Mein Körper hat im letzten halben Jahr eine große Veränderung hinter sich und ich habe mir überlegt, wie ich es mir leicht machen kann, damit umzugehen. Dann habe ich recherchiert und bin im Internet auf Anastacia gestoßen, die zweimal an Brustkrebs erkrankte. Auch Sie hat ein Fotoshooting gemacht und die Bilder veröffentlicht. Ich fand diese Idee super und habe es dann auch gemacht.

Cool! Anastacia ist vermutlich auch eine Bloggerin:) Inwieweit hat dir das Shooting geholfen?


..ach ich habe gerade gegoogelt! Du meist vermutlich die Sängerin Anastacia...hihi..mein Fehler!    



Genau, die meine ich.  


Ich habe das Shooting ohne Perücke gemacht und auch u.a. in Dessous. Während des Shootings habe ich mich richtig wohl gefühlt und danach habe ich die Bilder gesehen und festgestellt, dass ich viel schöner bin, wenn ich so bin, wie ich bin - ohne Perücke. Und ich habe gesehen, dass meine neuen Brüste in Dessous echt super aussehen.  

Fühlt sich das Wachsen der Haare irgendwie besonders an?



Es fühlt sich einfach nur mega gut an.  

Und wie läuft es mit der Strahlentherapie? Bist du körperlich immer noch so erschöpft?



Es läuft soweit gut. Ich merke schon, dass ich müde bin insgesamt. Das ist nach dem Therapiemarathon, der hinter mir liegt auch kein Wunder. Ansonsten fühlt es sich an, wie ein leichter Sonnenbrand in der Achselhöhle.

Und (ich hoffe, die Frage ist jetzt nicht zu persönlich) wie geht es deinen Brüsten nach der Operation? Sind sie noch geschwollen oder ist schon alles verheilt?



Ich merke, dass ich sie nach und nach akzeptiere - jeden Tag ein bisschen mehr. Nach der Operation mochte ich sie noch nicht einmal anfassen und mittlerweile geht das schon ganz normal. Allerdings ist alles noch ein bisschen schief und krumm, aber es werden noch einige OPs folgen, um den kosmetischen Erfolg herzustellen. Meine Freundin hat gesagt: "Deine Brüste sind perfekt, weil sie gesund sind." Und das stimmt.

Das hat sie schön gesagt! Ich glaube, es ist auch ein guter und vor allem mutiger Schritt nach vorne sie einer Freundin zu zeigen. Das hilft bestimmt auch bei der Akzeptanz.



Ja, das stimmt. Ich habe sie zwei Freundinnen gezeigt und das hat wirklich geholfen. Und das Foto-Shooting hat mich auch gestärkt.

Gehst du eigentlich noch zur Psychotherapie?



Ja

Geht es in den Sitzungen auch um das Thema Körperakzeptanz oder beschäftigen dich aktuell noch andere Dinge?



Meine Themen in der Therapie sind hauptsächlich: meine Ängste, mein soziales Umfeld und der Umgang mit der Krankheit und mein Körper.

Haben sich die Ängste im Laufe der Therapie verändert?



Sie sind schwächer geworden, aber immer noch da. Am Anfang hatte ich richtige Panikattacken, die hatte ich jetzt schon lange nicht mehr. Trotzdem spüre ich die Angst immer in mir.

Was ist momentan deine größte Angst? Die nächsten Operationen?



Nein, vor Operationen habe ich keine Angst. 
  Die größte Angst habe ich davor, wieder zu erkranken.


Klar. Zahlen und Prozentangaben helfen da wenig ...



Das stimmt. Gefühlen mit Rationalität zu begegnen ist wenig sinnvoll. 
  Nach so einer Diagnose ist man ja auch traumatisiert und deshalb dauert es einfach seine Zeit, damit klar zu kommen.


Doofe Frage, aber hast du, bevor dir die Brüste abgenommen wurden, irgendeine Art Abschiedsritual durchgeführt?



Ich habe mich am Morgen vor der OP unter der Dusche von Ihnen verabschiedet.

Hat das geholfen?



Ich denke schon ja.  

 


Und kannst du mit deinen Freunden über deine Ängste reden oder ist das eher eine Thema, das du mit deiner Therapeutin besprichst?



Darüber kann ich auch mit meinen Freunden reden, das hilft auch manchmal. Aber so wirklich richtig in der Tiefe kann mir da nur meine Psychotherapeutin helfen.

Das kann ich mir vorstellen. 
  Seit du und Nala eigentlich schon in Weihnachtsstimmung?  




Ja, ein bisschen schon. Ich bin dabei nach und nach Geschenke zu besorgen und fange an ein wenig zu dekorieren.

Und hast du heute noch was schönes vor?



Ich bin etwas erkältet, daher werde ich mich nur ausruhen.

Oh ja, das kenne! Ich bin auch ordentlich verschnupft:) Dann wünsche ich dir gute Besserung und wir hören/lesen uns ganz bald wieder    ....Ach ja: Und deine kurzen Haare sehen wirklich klasse aus!



Danke und danke.  
  Ich wünsche dir auch eine gute Besserung. Bis ganz bald.


 




„Brustkrebs erfordert Mut“ – Interview via Facebook

Fotos: privat
Stella Hombach

Von Stella Hombach
E-Mail-Adresse: stella.hombach@amoena.com





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