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„Yoga-Übungen können bei Lymphödemen helfen“

Nach der brusterhaltenden Operation entwickelte Christine Raab ein sekundäres Lymphödem. Uns erzählt sie, wie Yoga helfen kann, den Lymphfluss anzuregen.

„Yoga-Übungen können bei Lymphödemen helfen“

Im Jahr 2014 erhielt Christine Raab im Alter von 31 Jahren die Diagnose Brustkrebs. Bei der brusterhaltenden Operation mussten die Ärzte ihr auch einige Lymphknoten entfernen – vier davon, weil sie vom Krebs betroffen waren, fünf weitere präventiv. Die Folge: Die Lymphflüssigkeit floss nicht mehr richtig und Raab entwickelte in ihrem rechten Arm ein sekundäres Lymphödem. Uns erzählt sie, wie die Schwellung ihren Alltag verändert hat und wie Yoga helfen kann, den Lymphfluss anzuregen.


Redaktion: Wann fiel dir das erste Mal auf, dass mit deinem Arm etwas nicht stimmt?

Christine Raab: Nach einer meiner letzten Chemotherapie-Sitzungen. Ich saß im Auto, schaute auf meine Arme und da bemerkte ich, dass der rechte etwas dicker war als der linke. Ich ging dann direkt zu meinem Arzt. Der diagnostizierte ein Lymphödem und schickte mich zur Lymphdrainage.

Die manuelle Lymphdrainage ist eine spezielle Massage, die mit sanften und kreisenden Bewegungen versucht, die gestaute Flüssigkeit im Gewebe zu lösen und den Lymphfluss anzuregen.

Richtig. Als die Schwellung dann mithilfe der Massagen und einer speziellen Wickeltechnik langsam zurückging, wurde mir ein Kompressionarmstrumpf angepasst. Den habe ich dann zweieinhalb Jahre lang tagtäglich getragen. Nur in der Nacht legte ich ihn ab.

War dir vor der Operation klar, dass du durch die Entfernung der Lymphknoten ein Ödem entwickeln könntest?

Nein. Bei der Chemotherapie sah ich zwar mal eine Frau mit solch einem Armstrumpf. Warum sie den trug, war mir damals allerdings nicht klar. Ehrlich gesagt dachte ich damals nur: „Zum Glück habe ich das nicht auch noch.“

 

Hitze verstärkt die Durchblutung und damit auch das Lymphödem


Haben deine Ärzte dich nicht auf die Möglichkeit vorbereitet und dich über vorbeugende Maßnahmen aufgeklärt?

Ich kann mich zumindest nicht daran erinnern. Nach der Operation fand so ein Gespräch auf jeden Fall nicht statt. Überhaupt hätte die medizinische Betreuung nach der Operation etwas besser sein können.

Wie meinst du das?

Durch den Achselschnitt, über den der Chirurg Brustgewebe und Lymphknoten entfernte, entwickelte ich auch eine starke Schonhaltung. Als meiner Ärztin das nach Wochen auffiel, konnte ich meine Schulter schon nicht mehr frei bewegen. Hätte man mir im Vorhinein einen Physiotherapeuten an die Seite gestellt, der mir zeigt, wie ich Arm und Nacken richtig mobilisiere, hätte man die Verspannung vermutlich verhindern können – ebenso wie die vielen zusätzlichen Stunden Physiotherapie, die ich danach bekam.

Schränkt dich das Lymphödem in deinem Alltag ein?

Um meinen rechten Arm vor zu starker Belastung und Hitze zu schützen, musste ich im Alltag tatsächlich viel umlernen. Mittlerweile habe ich mich jedoch daran gewöhnt. 

Was ist ein Lymphödem?

Das lymphatische System ist Teil des natürlichen Abwehrsystems unseres Körpers gegen Infektionen. Die Lymphflüssigkeit transportiert Bakterien und Abfallstoffe aus dem Gewebe ab und führt sie über ein feines Netzwerk aus Gefäßen zu unseren Lymphknoten. Dort wird die Lymphe dann gereinigt. Ein Lymphödem entsteht, wenn Lymphgefäße oder -knoten geschädigt oder operativ entfernt wurden und die Lymphflüssigkeit nicht mehr richtig abfließen kann. Das heißt, sie staut sich im Gewebe und in den Gewebezwischenräumen und es kommt zur Schwellung. Sind die Lymphwege von Geburt an nicht richtig angelegt, sprechen Mediziner vom primären Lymphödem.

Ein sekundäres Lymphödem wird im Laufe des Lebens „erworben“ – etwa nach einer Brustkrebsbehandlung. Bei brustoperierten Frauen bilden sich sekundäre Lymphödeme am häufigsten im Achselbereich oder am Arm, manchmal auch an Brust oder Hand. Erste Anzeichen sind ein Schwere- und Spannungsgefühl an den betroffenen Stellen sowie der Beginn einer Schwellung.

Was musstest du denn konkret umstellen?

Um den Arm zu entlasten, trage ich meine Taschen jetzt immer auf der linken Seite – ebenso wie Koffer oder schwere Einkaufstüten. Wenn ich etwas in der Pfanne brate, rühre ich auch lieber mit links als mit rechts um. So gehe ich sicher, dass mir kein heißes Fett auf das Ödem spritzt. 

Soll man das wegen der Hitze nicht machen?

Genau. Hitze und Wärme verstärken die Durchblutung und damit auch das Lymphödem. Für den Fall, dass mich eine Mücke in den Arm sticht, habe ich im Sommer auch immer ein spezielles Spray dabei. Um sich gegen das Gift der Mücken zu wehren, müssen die Lymphknoten ja stärker arbeiten und das kann das Ödem verstärken. 

Es ist nun bald drei Jahre her, dass du die Diagnose Lymphödem erhalten hast. Wie hat sich die Schwellung entwickelt?

Das Ödem ist glücklicherweise ziemlich weit zurückgegangen. Ich glaube, das liegt auch daran, dass ich meinen Armstrumpf so regelmäßig getragen habe. Lege ich meine beiden Arme heute nebeneinander, fällt der Unterschied tatsächlich kaum noch auf. Vorsichtig muss ich natürlich trotzdem noch sein. Wenn ich beispielsweise lange am Computer sitze und dann rechts viel mit der Maus arbeite, merke ich schon, dass das meinen Arm erschöpft. Auch Hitze versuche ich wenn möglich zu meiden.


Durch die Brustkrebserkrankung hat der Körper viel durchgemacht 


Nach der Brustkrebserkrankung hast du eine Ausbildung zur Yoga-Lehrerin gemacht. In deinem Blog erklärst du, dass manche Yoga-Übungen auch gut für die Lymphe sind. Wie kann ich mir das vorstellen?

Eine bewusste Bauchatmung regt beispielsweise den Lymphfluss an – ebenso wie Übungen, in denen wir unsere Muskeln abwechselnd an- und entspannen. Dazu gibt es im Yoga viele dynamische Bewegungen. Das heißt, wir verharren nicht in einer Position, sondern sind ständig in Bewegung. So kann die Lymphe sich gar nicht erst stauen. Auch das Kreisen der Schultern kann den Lymphfluss in den Armen anregen – wobei das natürlich keine spezifische Yoga-Übung ist.

Was half dir noch, mit dem Ödem umzugehen?

Meine positive Einstellung – nicht nur meinem Körper, sondern auch dem Lymphödem gegenüber.

Du meinst, du hast gelernt, die Erkrankung zu akzeptieren?

Richtig. Zu denken „Oh Mann, warum habe ich nur dieses doofe Lymphödem und muss deshalb auch noch Sport machen und Kompressionskleidung tragen“, macht die Schwellung nicht besser. Ich versuche mir daher immer wieder bewusst zu machen, dass mein Körper durch die Brustkrebserkrankung viel durchgemacht hat und dass er Zeit braucht, um sich wieder zu regenerieren.

„Yoga-Übungen können bei Lymphödemen helfen“Zur Person

Christine Raab, 35, arbeitet freiberuflich als Make-up Artist mit Schwerpunkt Naturkosmetik. Nach ihrer Brustkrebserkrankung absolvierte sie im Jahr 2016 eine Ausbildung zur Yoga-Lehrerin. Im Blog auf Ihrer Website „Christine Raab. Yoga | Meditation | Energiearbeit“ interviewt sie Menschen zu verschiedenen Gesundheitsthemen, gibt Yoga- und Meditationstipps und berichtet aus ihrem Alltag mit einem Lymphödem.

Um anderen Menschen mit Lymphödem Mut zu machen, nahm Raab an der Kampagne „Körperstolz“ des Bundesverbandes Medizintechnologie (BVMed) teil, bei der Menschen mit chronischen Erkrankungen die Hilfsmittel zeigen, die ihnen ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen. In Raabs Fall ist das der Kompressionsstrumpf. Zurzeit entwickelt sie ein Online-Coaching-Programm, in dem es darum geht, mehr Achtsamkeit, auch für sich selbst, zu entwickeln.


30. November 2018

Fotos: Timo Raab

Iris Hilgemeier
Von Iris Hilgemeier
E-Mail-Adresse: iris.hilgemeier@amoena.com