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Wimpern sind zum Wünschen da

Hier erzählt Bloggerin Uta Melle, wie sie ihren Kindern das Mammakarzinom erklärte.

Wimpern sind zum Wünschen da

Im Jahr 2009 erkrankte Uta Melle an Brustkrebs – zu dem Zeitpunkt war sie 39 Jahre alt, Mutter von zwei Töchtern und seit über zehn Jahren verheiratet. Uns erzählt Melle, wie sie ihren Kindern das Mammakarzinom erklärte und was das Trojanische Pferd damit zu tun hat.

Meine Töchter waren acht und fünf Jahre alt, als ich meine Diagnose erhielt. Sie waren durch die vielen Krebserkrankungen meiner Mutter zwar schon ein wenig auf Krebs vorbereitet, aber der Tod meiner Mutter hat natürlich nichts einfacher gemacht. Zwei Tage nach ihrer Beerdigung fuhr mein Mann Hendrick mit den beiden zu seinen Eltern, wo sie sich in Ruhe hinsetzten und er ihnen alles erklärte. Danach wollten sie erst mal 24 Stunden nicht mehr mit mir reden – das finde ich durchaus verständlich und gesund: Sie benötigten die Zeit, um zu verstehen!

Als sie zurückkamen, hatten sie kaum noch Angst – denn sie wussten und verstanden ja auch, dass ich ALLES tue, um so lange wie möglich am Leben zu bleiben. Wie zum Beispiel, auch die zweite Brust abzunehmen!

 

Kinder haben eine Nase für Probleme

 

Als mir mein Port eingesetzt wurde, habe ich einen schönen Weg gefunden, dies den Mädels zu erklären: Der Port war das „Trojanische Pferd“. Alle drei Wochen wurden durch das Pferd Soldaten in den Körper geschleust. Daraufhin hatte der Körper immer ganz viel zu tun, um mit den Soldaten gegen den Krebs zu kämpfen – da hatte der Körper auch keine Zeit und Kraft, sich um so etwas Unwesentliches wie Haare zu kümmern. Als die Wimpern nach der letzten Infusion dann wiederkamen, gab es große Freude: Der Körper hatte wieder die Kraft, sich um die Haare zu kümmern.

Ich bin der Meinung, dass man mit Kindern immer offen umgehen sollte. Sie sind ein Teil der Familie. Sie werden in ihrem Leben nicht nur gute Zeiten erleben und müssen den Umgang mit nicht so guten Zeiten lernen. Außerdem haben sie eine Nase für Probleme – und wenn man ihnen keine Begründung gibt, beziehen sie es auf sich.

Ein Beispiel: Während der Therapie habe ich Sachen sehr schleppend erledigt. Benötigte Tintenkiller ließen dann schon mal eine Woche auf sich warten. Als alles vorbei war, mal wieder Tintenkiller gekauft werden mussten und diese am selben Tag auf dem Tisch lagen, umwallte mich eine Wolke von Dankbarkeit, die ich für die Anschaffung von Stiften noch nie zuvor bekommen hatte! Wunderbar!


„Ich habe mir die Krankheit rausschneiden lassen“


Ein anderer Fakt ist, dass Kinder keine Berührungsängste haben, wenn es um Krankheiten geht. Eines Tages in der Chemo war ich auf einem Kindergeburtstag von Fünfjährigen. Da stand plötzlich ein kleiner Bursche vor mir: „Marlene hat gesagt, dass du keinen Busen mehr hast?“ (Im Hintergrund sah ich schon die Eltern leicht panisch.) „Ja“, antwortete ich, „das stimmt – da war eine Krankheit drin. Ich habe mir die rausschneiden lassen und jetzt lebe ich länger“. „Ach so“, sagte der Junge – ging zu seinen Eltern und erklärte es ihnen. Wahrscheinlich haben die Eltern es dadurch zum ersten Mal verstanden!

Noch eine kleine Geschichte: Als mir die Wimpern ausfielen, haben wir den restlichen Wimpern Namen gegeben. Und für jede restliche Wimper hatten wir natürlich einen Wunsch frei!

 

Uta Melle und die Amazonen

Im Jahr 2009 erkrankt Uta Melle im Alter von 39 an Brustkrebs. Wenige Tage nach der Diagnose stirbt ihre Mutter – sie hatte ebenfalls Brustkrebs. Als der Gentest dann zeigte, dass Melle Trägerin einer BRCA2-Genmutation ist, entschied sie sich für die beidseitige Mastektomie. Der Grund: Durch die Mutation würde sie mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 80 Prozent auch auf der gesunden Seite Brustkrebs entwickeln.

In der Kolumne „Oben ohne“ des Magazins der Stern und in ihrem Blog „Amazonen“ berichtete Uta Melle öffentlich über ihre Krankheit, die Therapie und das Leben danach. Aus dem Blog entstand 2010 der Bildband „Amazonen. Das Brustkrebs-Projekt“. In dem Buch zeigt Uta Melle Aktfotografien von Frauen mit Brustkrebs. Die Bilder machen deutlich, wie selbstbewusst, stark und schön die Frauen nach wie vor sind. Fotografiert wurden die Porträts von Esther Haase und Jackie Hardt.

Der Artikel „Wimpern sind zum Wünschen da“ ist vorher auf Uta Melles Blog „Amazonen“ erschienen.

 

3. Mai 2018

Foto: Leafly.de
 

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