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„Plötzlich war die Leidenschaft weg“

Brustkrebs verändert nicht nur den Körper, sondern auch die Sexualität. Das zu akzeptieren, braucht Zeit.

„Plötzlich war die Leidenschaft weg“

Eine Brustkrebserkrankung verändert nicht nur den Körper, sondern oft auch das Selbstbild einer Frau. Die Antihormone, die viele Betroffene bis zu zehn Jahre nach der eigentlichen Behandlung nehmen müssen, bedeuten nicht selten: Libidoverlust – und damit die Suche nach einer neuen Form der Sexualität.

Sex war Christine Megner schon immer wichtig. Das änderte sich auch nicht, als sie mit 30 Jahren an Brustkrebs erkrankte und ihr wegen des Tumors die rechte Brust abgenommen werden musste. Nur noch eine Brust zu haben, damit konnte sich die junge Frau arrangieren. Womit sie sich jedoch nicht abfinden wollte: Durch die Antihormontherapie im Anschluss an die Mastektomie hatte sie erheblich weniger Lust auf Sex. „Die Tabletten beförderten mich quasi über Nacht in die Wechseljahre“, erzählt Meininger.

Ähnliches berichtet Uta Melle. Sie war 39 Jahre alt, als sie den Knoten in ihrer rechten Achsel entdeckte. Da ihr Tumor genetisch bedingt war, entschied sie sich für eine beidseitige Mastektomie und ließ sich auch die Eierstöcke entfernen. Durch den Eingriff passierte Melle das, was Christine Meininger durch die Einnahme von Antihormonen erlebte: Libidoverlust. „Ich habe darauf gewartet, dass mir mein Körper die alte Leidenschaft zurückgibt“, berichtet sie auf ihrem Blog, „das hat er aber nicht.“

 

„Jede Frau hat ihr eigenes Tempo“

 

Dass Megner und Melle mit ihren Erfahrungen keine Ausnahmen sind, bestätigt eine Studie der Universität Groningen aus dem Jahr 2013. Um herauszufinden, wie eine Brustkrebserkrankung die Sexualität verändert, befragten die Wissenschaftler gut 200 Betroffene unter 50 Jahren, bei denen innerhalb der letzten sechs Jahre Brustkrebs diagnostiziert worden war. Das Ergebnis: Zwei von drei Frauen (64 Prozent) hatten während der Behandlung sexuelle Funktionsstörungen und auch nach Abschluss der Therapie blieb die Libido bei knapp der Hälfte (45 Prozent) vermindert. Viele Frauen mit Mastektomie berichteten zudem, dass es schwieriger geworden sei, einen Orgasmus zu bekommen.

Auch die Fatigue, ein chronisches Erschöpfungssyndrom, machte einigen Frauen zu schaffen. „Das Gemeine an der Fatigue war, dass ich sah super aussah“, erzählt Melle im Interview: „Nach der letzten Chemo kamen meine Haare wieder und durch das Kortison hatte ich einen fabelhaften Porzellan-Teint.“ Innerlich war sie jedoch völlig fertig, ihr Körper ausgelaugt. Keine gute Voraussetzung für die Lust.

„Es sind auch nicht immer die körperlichen Probleme, die das Sexleben der Betroffenen erlahmen lassen“, berichtet Kristina Schmitz, Psychoonkologin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Viele Frauen müssten die Veränderung ihres Körpers erst mal psychisch verarbeiten – „und zwar jede in ihrem eigenen Tempo“, so Schmitz.

„Plötzlich war die Leidenschaft weg“

Das heißt, wie gut und in welcher Zeit eine Frau es schafft, ihren Körper zu akzeptieren und sich ihrem Partner zu öffnen, lässt sich nicht verallgemeinern. „Es gibt Frauen, die sich tatsächlich recht schnell an die Narben oder die Brustprothese gewöhnen“, berichtet die Psychoonkologin. Andere könnten den Blick in den Spiegel auch ein Jahr nach dem Eingriff nur schwer ertragen, trauten sich nicht, ihre Brust anzufassen und hätten durch die Folgen der Operation ein stark beeinträchtigtes Körperbild.

Frauen, die anfangs Berührungsängste haben, rät Schmitz, sich buchstäblich an die „neue“ Brust heranzutasten. Beispielsweise könnten sie erst einmal noch ein T-Shirt tragen und dann vorsichtig über die Brust streichen. Haben sie sich an das Gefühl gewöhnt, könnten sie versuchen, ihre Brust auch mal anzuschauen – erst aus der Ferne, dann von nahem, erst mit Kleidern, dann auch ohne. Solch eine volle Konfrontation mit der Brust sollte jedoch niemals erzwungen werden, betont die Psychoonkologin: „Die Frau soll sich ihre Brust nur anschauen, wenn sie dafür bereit ist.“

 

Statt um den Höhepunkt geht es nun mehr um Nähe und Intimität

 

Dass Megner den Verlust ihrer Brust so gut verkraftet hat, lag auch daran, dass ihre Psychoonkologin sie ermutigte, sich aktiv mit der Operation und dem „Danach“ auseinanderzusetzen. Zusammen mit ihrem damaligen Lebensgefährten hat Megner sogar ein Abschiedsritual durchgeführt. „Wir haben einen Gipsabdruck von meinem Oberkörper gemacht“, berichtet sie. Der Abdruck half ihr, sich von ihrer Brust zu verabschieden.

Und da Christine Megner ein offener Mensch ist, hat sie mit ihrem Partner von vornherein offen über die Krankheit gesprochen – ebenso wie über das Thema Sex. „Vor der Brustkrebserkrankung haben wir manchmal sogar mehrmals am Tag miteinander geschlafen“, erzählt die mittlerweile 46-Jährige, „durch die Antihormontherapie hatte ich allerdings nur noch ein- bis zweimal die Woche Lust.“ Dass der Sex dadurch schlechter geworden ist, würde sie allerdings nicht sagen – er hat sich verändert. Statt um den Höhepunkt geht es nun um Nähe und Intimität. „Außerdem habe ich erkannt, dass ich nicht immer einen Orgasmus haben muss, um beim Sex Spaß zu haben“, sagt Megner – dass sie den Höhepunkt nicht vermissen würde, „wäre aber gelogen“.

Auch Uta Melles Partnerschaft hat sich durch die Mastektomie und die Entfernung der Eierstöcke nachhaltig verändert. In Sachen Sex heißt das: seltener und wenn, dann gut vorbereitet. „Mit viel Zeit und noch mehr Gleitmittel“, wie sie sagt. Eine Krebsdiagnose, die Konfrontation mit dem Tod erschüttern das Vertrauen in den eigenen Körper. Natürlich beeinträchtigt das auch die Sexualität. 

Umso wichtiger war es auch Melle, offen mit ihrem Partner zu sprechen und gemeinsam eine andere Form von Sexualität zu finden. Weil es ihr nicht leicht fiel, das Thema Libidoverlust in eigene Worte zu fassen, las sie ihrem Mann übrigens Foren-Beiträge anderer Frauen vor – und erzählte ihm dann, wie sie selbst sich fühlt.


 

Weiterführende Informationen

Über Sexualität zu reden, ist nicht für jeden einfach. Viele Fragen und Ängste bleiben daher oft unausgesprochen. Eine gute erste Orientierung bietet hier der Ratgeber „Weibliche Sexualität und Krebs“ des Krebsinformationsdienstes. Er richtet sich an Patientinnen, aber auch an ihre Partner. Manchen Patientinnen kann auch das Gespräch mit einem Psychoonkologen oder einer Psychoonkologin helfen. Bei den Krebsberatungsstellen können Sie sich persönlich und vor Ort beraten lassen.

Eine Übersicht mit häufigen Problemen, ihren Ursachen und auch Lösungsansätzen, um die Intimität nach der Therapie neu zu entdecken, liefert unser Beitrag „Sex nach Brustkrebs: Intimität neu entdecken“.


 

12. Juni 2018

Fotos: 
Rainer Berg/picture alliance/Westend61
privat

Stella Hombach

Von Stella Hombach
E-Mail-Adresse: stella.hombach@amoena.com