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Zurück„Mit Zeit und sensiblen Fingerspitzen“

Beim Brustkrebs-Vorsorgeprogramm „discovering hands“ nutzen Blinde ihren Tastsinn zum Erkennen von Tumoren.

„Nicht jeder ‚Knubbel’ ist bösartig“

Blinde Menschen haben einen sehr ausgeprägten Tastsinn. Bei dem Brustkrebs-Vorsorgeprogramm „discovering hands“ nutzen sie ihr feines Gespür, um frühzeitig Tumore zu erkennen. Im vergangenen Jahr wurde das gleichnamige Sozialunternehmen mit dem Next Economy Award (NEA) ausgezeichnet. Doch wie sinnvoll ist die Tastuntersuchung tatsächlich? Ein Gespräch mit dem Gründer und Geschäftsführer Frank Hoffmann.


Redaktion: Wie kamen Sie auf die Idee zu „discovering hands“?

Frank Hoffmann: Ich bin Gynäkologe und damit fast jeden Tag mit der Brustkrebsfrüherkennung beschäftigt. Bei der medizinischen Tastuntersuchung geht es darum, die Gewebeveränderungen im frühestmöglichen Stadium aufzuspüren und Tumore zu entdecken, bevor sie in die Lymphe streuen. Dafür braucht man nicht nur Fingerspitzengefühl, sondern auch Zeit – und die haben Gynäkologen nicht immer. Die Idee, blinde Frauen für die Tastdiagnostik im Rahmen der Früherkennung einzusetzen, kam mir tatsächlich zufällig – sie liegt im Nachhinein jedoch auf der Hand.

Warum?

Um das Fehlen ihres Sehsinns zu kompensieren, haben blinde und sehbehinderte Menschen einen viel stärker ausgeprägten Tastsinn. Bei der Früherkennung von Brustkrebs ist ihre Behinderung ein großer Vorteil.

Die Tastuntersuchung durch den Gynäkologen gehört in Deutschland zur Routinevorsorge, die Kosten tragen die gesetzlichen Krankenkassen. Weshalb wurde Ihr Angebot bislang noch nicht in den Leistungskatalog aufgenommen?

Weil wir die Untersuchung noch nicht flächendeckend anbieten können. Bislang sind wird „nur“ an 30 Standorten vertreten. Zwölf Krankenkassen bieten unser Angebot jedoch schon jetzt als Zusatzleistung an und erstatten ihren Versicherten eine Untersuchung im Jahr.


Tastuntersuchungen verbessern das Körpergefühl


Frank Hoffmann © discovering handsDer Nutzen ist aber nicht strittig?

Nein. Dass die Untersuchung sinnvoll ist, konnten wir gemeinsam mit der Universität Essen in einer Vorstudie eindeutig belegen. Demnach erspüren Ärzte Gewebsveränderungen von ein bis zwei Zentimeter. Unsere MTUs hingegen, also die Medizinischen Tastuntersucherinnen, ertasten schon Zellvolumina zwischen sechs und acht Millimeter. Eine weitere Studie, die den Zusatznutzen von Tastuntersuchungen durch die MTUs belegt, wurde an der Universität Erlangen durchgeführt und steht kurz vor der Publikation.

Der Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums schätzt den Nutzen allerdings als gering ein – auch, weil keine Studie belegt, dass die Tastuntersuchungen die Sterblichkeitsrate bei Brustkrebs tatsächlich senken.

Das liegt auch daran, dass die Erfolge dieser Art von Früherkennung nach meiner Einschätzung stark von den Rahmenbedingungen abhängen. Ausreichend Zeit, Struktur und eine sensible Fingerspitze sind entscheidend. Hierfür durchlaufen unsere MTUs eine intensive neunmonatige Ausbildung. Fakt ist: Kleine Tumore zu finden, ist besser als gar keine. Dazu geht es bei „discovering hands“ um sehr viel mehr als das Erspüren etwaiger Tumore.

Zur Person

Frank Hoffmann ist niedergelassener Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. 2010 wurde er Fellow bei Ashoka, einem Netzwerk, das weltweit Gründungspersönlichkeiten für neue soziale Organisationen findet und fördert. Mit der Unterstützung von Ashoka gründete Hoffmann 2012 das Sozialunternehmen Discovering Hands.

Als da wäre?

Anders als beim Arzt dauern unsere Untersuchungen nicht drei, sondern bis zu 50 Minuten. In dieser Zeit werden die Patientinnen nicht nur wirklich intensiv abgetastet, sondern sie können auch Fragen stellen und  werden über Risikofaktoren aufgeklärt. Vielen Frauen hilft die Untersuchung auch, ein besseres Körpergefühl zu entwickeln.


Den Arzt ersetzen die MTUs nicht


Wie meinen Sie das?

Als wir das Programm gestartet haben, bin ich beispielsweise davon ausgegangen, dass vorrangig Frauen zwischen 40 und 50 zu uns kommen würden...

... also solche, die aufgrund ihres Alters bereits ein erhöhtes Brustkrebsrisiko haben, aber noch zu jung sind für das Mammografie-Screening.

Genau. Tatsächlich kommen aber auch viele deutlich jüngere Frauen zu uns. Durch die Untersuchung können sie sich aktiv und bewusst mit ihrer Brust und so auch mit ihrem Körper auseinandersetzen. Dazu zeigen unsere MTUs ihnen auch, wie sie Knoten oder kleine Gewebeveränderungen selbst ertasten können.

Können Ihre blinden Frauen den Facharzt ersetzen?

Das können und sollen unsere MTUs natürlich nicht. Sie erheben einen Tastbefund, die Interpretation des Befundes und damit die Stellung einer Diagnose, erfolgt durch den Arzt. Einem „Knubbel“ kann man nicht anfühlen, ob er bösartig ist. Oft handelt es sich nur um eine harmlose Gewebeveränderung oder Zyste. Was tatsächlich hinter dem Tastbefund steckt, muss der Arzt abklären.

Was sind Sie heute mehr: Gynäkologe oder Unternehmer?

Tatsächlich mehr Sozialunternehmer. Ich gebe mir aber Mühe, mindestens zweimal die Woche in der Praxis bei meinen Patientinnen zu sein.

„Nicht jeder ‚Knubbel’ ist bösartig“

 

„Discovering Hands“

„Discovering Hands“ ist ein gemeinnütziges Sozialunternehmen, dem es nicht nur darum geht, die Brustkrebsfrüherkennung zu verbessern, sondern gleichzeitig für blinde und sehbehinderte Frauen ein neues Tätigkeitsfeld zu schaffen. Als Integrationsunternehmen kann „discovering hands“ die Medizinischen Tastuntersucherinnen (MTUs) fest und unbefristet anstellen. Erste Pilotprojekte von „discovering hands“ gibt es mittlerweile auch in Österreich, in Indien und in Kolumbien.

31. Juli 2017

Fotos: discovering hands®