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ZurückBrustkrebs und Schwangerschaft: „Ja, das geht!“

Anna Wensing hatte Brustkrebs. Später entwickelte sie Metastasen in den axillären Lymphknoten. Für die 30-Jährige ein Schock – denn sie war schwanger.

Brustkrebs und Schwangerschaft

Im Frühjahr 2015 diagnostizierten die Ärzte bei Anna-Marina Wensing Brustkrebs. Damals war sie gerade einmal 28 Jahre alt. Der Tumor war zum Glück recht klein und konnte daher leicht entfernt werden; eine Chemotherapie brauchte sie nicht. In der Nachsorge diagnostizierte Wensings Arzt dann axilläre Metastasen. Für die mittlerweile 30-Jährige ein Schock – denn sie war schwanger. Ein Interview.


Redaktion: Brustkrebs und Schwangersein – geht das überhaupt?

Anna-Marina Wensing: Das fragte ich mich damals auch. Tatsächlich gibt es jedoch einige Frauen, die während ihrer Brustkrebsbehandlung schwanger sind oder werden. Außerdem hatte ich keine Wahl. Als die Metastasen bei mir diagnostiziert wurden, war ich bereits in der 22. Schwangerschaftswoche. Und bis nach der Geburt konnte ich mit der Therapie nicht warten.

Wie wurden die Krebszellen entdeckt?

Beim Ultraschall. Auf dem Monitor sah meine Gynäkologin, dass meine rechten Lymphknoten leicht vergrößert waren. Wir dachten erst, das sei vielleicht das erste Anzeichen einer Erkältung. Um auf Nummer sicher zu gehen, schickte sie mich jedoch zur Biopsie und dort sagte der Arzt bereits beim Entnehmen der Gewebeprobe: „Das sieht nicht gut aus“.

Das konnte er mit bloßem Auge sagen, ohne das Gewebe genauer zu analysieren?

Ja, denn die Flüssigkeit war bereits blutig. Offenbar ein eindeutiges Zeichen.

 

Selbst die Chemotherapie ist während der Schwangerschaft möglich


Wie ging es dann weiter?

Ich dachte die ganze Zeit nur: „Ich bin schwanger ... das geht doch nicht!“ Glücklicherweise waren die Ärzte supernett. Als die Diagnose feststand, empfahlen sie mir, mich in einer Uniklinik behandeln zu lassen, weil die Ärzte sich dort besser mit der speziellen Kombination von Brustkrebs und Schwangerschaft auskennen. In der Klinik erklärte man mir ganz genau, wie die Behandlung während der Schwangerschaft funktioniert und was mich in den nächsten Monaten erwarten würde. Nämlich: Chemotherapie, dann Geburt, dann wieder Chemo und eine Operation. Zu guter Letzt dann die Bestrahlung.

In der Schwangerschaft wird vielen Frauen sogar davon abgeraten, sich die Haare zu färben oder Nagellackentferner zu benutzen – und eine Chemotherapie geht?

Genau das habe ich mich auch gefragt. Aber ja, es gibt offenbar bestimmte Chemotherapeutika, die weder der Schwangeren noch dem Fötus schaden. Um sicherzustellen, dass das ungeborene Kind die Chemotherapie verträgt, machte meine Ärztin vor jeder Sitzung auch immer noch mal einen Ultraschall.

Wie hast du selbst die Chemo verkraftet?

Den ersten Zyklus tatsächlich ziemlich gut. Ich vermute sogar, dass mich die Schwangerschaft irgendwie geschützt hat. Jedenfalls hatte ich kaum Nebenwirkungen und meine Ärztin meinte, dass sie dieses Phänomen schon häufiger bei anderen schwangeren Brustkrebspatientinnen beobachtet hat. Wissenschaftlich bewiesen ist das jedoch nicht.

Brustkrebs zu zweit – Therapie bei Schwangeren

  • Gut ein bis zwei Prozent aller Brustkrebserkrankungen werden während der Schwangerschaft diagnostiziert.
  • Da die Brust während der Schwangerschaft an Volumen zunimmt und stärker durchblutet wird, ist es oft schwieriger, einen Tumor zu entdecken. Verdächtige Knoten in der Brust oder austretende Flüssigkeit aus der Brustwarze sollten daher unbedingt von der Frauenärztin abgeklärt werden.
  • Der Tumor wird in der Regel erst nach der Entbindung operativ entfernt.
  • Eine Chemotherapie ist meist ab der 14. und 16. Schwangerschaftswoche möglich und wird häufig präoperativ durchgeführt – also vor der Entfernung des Tumors.
  • Frauen, die sich dafür entscheiden, die Schwangerschaft wegen der Brustkrebserkrankung abzubrechen, lassen sich vor Beginn der Chemotherapie am besten von einem Reproduktionsmediziner beraten. Der Grund: Die Chemotherapie kann die Fruchtbarkeit mindern, also die Chance auf eine spätere Schwangerschaft verringern.
  • Die Brust sollte während der Schwangerschaft nicht bestrahlt werden.
  • Auch eine Antihormonbehandlung ist während der Schwangerschaft nicht möglich.

Hast du trotzdem eine Idee, wie dir die Schwangerschaft mit der Chemotherapie helfen konnte?

Mir persönlich half allein schon die Tatsache, dass ich vor jeder Chemotherapie zu sehen bekam, wie mein Sohn sich in meinem Bauch bewegte. Das gab mit Kraft und motivierte mich, die Behandlung durchzustehen. Kam ich zu sehr ins Grübeln, legte ich nur die Hand auf meinen Bauch und schon fühlte ich mich besser. Zudem mussten mein Mann und ich viel organisieren: Kinderzimmer einrichten, Strampler kaufen und, und, und.

Du hattest also keine Zeit, dir wirklich Gedanken über den Krebs zu machen?

Richtig. Das ist natürlich eine Typ-Frage, aber mir tat diese Ablenkung gut.

 

Stillen ging nicht


Konntest du das Baby auf natürliche Weise zur Welt bringen?

Das haben wir angestrebt. Am Ende war dann allerdings doch ein Notkaiserschnitt erforderlich. Da ich nach dem ersten Chemozyklus ja nur zwei bis drei Wochen Zeit bis zum Beginn des zweiten hatte, stand von vornherein fest, dass wir nicht einfach warten können, bis die Wehen einsetzen. Die Geburt wurde daher künstlich eingeleitet. Das hat auch gut funktioniert – zumindest lag das Kind richtig und drückte nach unten. Allerdings war der Muttermund noch nicht geöffnet. Der Arzt legte mir dann zur Entspannung eine Periduralanästhesie (PDA). Davon wurde ich allerdings kurz ohnmächtig, die Herztöne des Kindes wurden schwächer und dann blieb nur noch der Kaiserschnitt. Zwei Wochen später begann der zweite Chemozyklus.

Und den hast du nicht so gut verkraftet.

Genau, mir war zwar nicht übel, aber die Blutwerte zeigten, dass mein Immunsystem total geschwächt war. Das heißt, ich musste sehr stark aufpassen, dass ich mich nicht erkälte und fühlte mich ziemlich matt. Hinzu kam: Die erste Chemo hatte ich quasi für mein Kind gemacht, die zweite wollte ich einfach nur hinter mich bringen. Statt im Krankhaus zu sitzen und zu warten, bis die Behandlung vorbei ist, wollte ich nach Hause zu meinem kleinen Sohn. Dazu kam die Doppelbelastung mit wenig Schlaf – Jonas, so heißt mein Sohn, musste schließlich auch in der Nacht versorgt werden.

Konntest du ihn normal stillen?

Nein, das ging wegen der Chemotherapeutika nicht. Nach der Geburt bekam ich deshalb gleich Abstilltabletten. Tatsächlich hat mir das die Organisation aber auch erleichtert. So war es nicht so schlimm, wenn ich wegen der Chemo – und später wegen der Bestrahlung – mal mehrere Stunden am Stück nicht zu Hause war. Nach der Chemotherapie brauchte ich in der Regel auch immer eine Nacht allein, um mich von der Behandlung zu erholen.

Wie geht es dir und deinem Sohn heute?

Super! Er entwickelt sich prächtig. Gefühlt lernt er gerade jeden Tag hunderte neue Wörter. Ich gehe natürlich weiter regelmäßig zur Nachsorge, ansonsten spielt der Krebs in meinem Leben jedoch keine Rolle mehr – und ich hoffe, das bleibt so!

Anna-Marina WensingZur Person

Anna-Marina Wensing ist heute 31 Jahre alt, ihr Sohn Jonas knapp zwei Jahre alt. Über ihre Schwangerschaft mit Brustkrebs und die Zeit danach erzählt Wensing auch auf Instagram (@brustkrebs_und_babybauch).

14. Februar 2019

Fotos: privat


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