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Medizingeschichte: Vom Aderlass bis zur brusterhaltenden Therapie

Brustkrebs kennen Mediziner bereits seit der Antike. Der Weg vom Erkennen der Krankheit hin zu einem echten Verständnis und erst recht zu einer sinnvollen Behandlung war ein sehr, sehr langer Weg. Hier ein kleiner historischer Abriss.

2625 vor Christus

Im Alten Ägypten listet der Universalgelehrte Imhotep in seinen medizinischen Abhandlungen 48 Krankheiten auf. Vom Hautabszess bis zum Schädelbruch. An Stelle 45 beschreibt Imhotep die „aus der Brust hervorquellenden Massen“. Sein Wissen über mögliche Therapien: „Es gibt keine.“ Brustkrebs galt damals als nicht heilbar.

6./5. Jahrhundert vor Christus

Perserkönigin Atossa (* 550 vor Christus; † 475 vor Christus) ist eine der ersten namentlich genannten Frauen, die unter ihrer Achsel einen Knoten entdeckte. Der griechische Geschichtsschreiber Herodot (490/480 vor Christus; † 424 vor Christus) schrieb ihre Geschichte auf. Geheilt worden sei die Königin durch ihren medizinkundigen Sklaven Demokedes. Ob Atossa wirklich Brustkrebs hatte oder „nur“ einen schmerzhaften Abszess, ist nicht geklärt.

4. Jahrhundert vor Christus

Hippokrates von Kos (* 460 vor Christus; † 370 vor Christus) untersuchte mit seinen Schülern die ersten Tumorgeschwüre. Da die Tumore sich bei den Toten ins „Fleisch eingruben wie Krabben im Sand“, gab Hippokrates der Krankheit den Namen Karkinos, „Krebs“. Zur Behandlung riet der Arzt lediglich zur Abstinenz. Damit die Patientinnen länger leben, schrieb er, lasse man sie ansonsten am besten unbehandelt. Brustkrebs verstand Hippokrates als Folge einer Störung der Körpersäfte. Krebs entsteht nach seiner Theorie durch einen Überschuss an schwarzer Galle.

1. Jahrhundert nach Christus

Der griechische Arzt Galenos von Pergamon (* um 130 nach Christus; † 200 oder 215 nach Christus) folgte Hippokrates’ Säftelehre. Allerdings sollten seine Patientinnen zur Heilung die Balance zwischen Blut, Schleim, schwarzer und gelber Galle aktiv wiederherstellen, etwa indem sie Kräuter zu sich nahmen, die zum Erbrechen führten oder durch einen Aderlass – eine Vorstellung, die sich bis in die Neuzeit hielt.


16. Jahrhundert

Der Medizinstudent Andreas Vesalius (* 1514; † 1564) versuchte, Galenos’ Theorie anatomisch zu belegen. Während seines Studiums in Paris stahl er deshalb Leichen. Seine Obduktionen blieben jedoch erfolglos, die schwarze Galle unauffindbar. Später, als Professor an der Universität Padua, fertigte Vesalius anatomische Studien von Muskeln, Sehnen und Adern an. Mit deren Verbreitung verlor die Säftetheorie an Bedeutung. Vor allem aber empfahl Vesalius als einer der ersten zur Brustkrebsbehandlung die Entfernung der Brust (Mastektomie).

18. Jahrhundert

Vor gut 300 Jahren fanden die ersten überlieferten Brustoperationen statt. Oft nur mit einem scharfen Messer; die Patientin notdürftig mit Alkohol und Opium sediert. Der Arzt Lorenz Heister (* 1683; † 1758) riet seinen Kollegen daher in seinem 1718 erschienen Lehrbuch für Chirurgen, standfest zu sein und sich nicht von den Schreien der Patientinnen irritieren zu lassen. „Viele Frauen“, schrieb er, „haben Courage und durchstehen die Operation ohne viel Gejammer.“

„Ich machte die Augen zu, und es war geschehen. Ich öffnete die Augen und sah die blutige Brust liegen“, beschrieb Margarethe Elisabeth Milow (* 1748; † 1794) ihre Brust-OP im Jahr 1793: „Ich schloss wieder die Augen und der zweite Schnitt geschah.“ War die Operation überstanden, drohte unter anderem Wundbrand.

19. Jahrhundert

1867: Joseph Lister (* 1827; † 1912) führte in Glasgow die erste Brustamputation unter Vollnarkose und (fast) sterilen Bedingungen durch – und zwar bei seiner Schwester Isabell Pim. Neben dem Tumor entnahm Lister bei dem Eingriff auch die Lymphknoten. Pim überlebte, starb jedoch drei Jahre nach der Operation an Lebermetastasen. Auch der englische Arzt Charles Hewitt Moore (* 1821; † 1870) entfernte neben dem Tumor die Lymphknoten. Zusätzlich entnahm er Fettgewebe sowie den Brustmuskel.

1882: Der amerikanische Arzt William Stewart Halsted (* 1852; † 1922) entwickelte Listers und Moors Operationsmethode weiter und schaffte es, die 3-Jahres-Überlebensrate von 4,7 Prozent auf gut 42,3 Prozent zu erhöhen. Mit Halsted begann die Ära der „radikalen Brustchirurgie“. Dazu wurde der größere Brustmuskel (später auch der kleinere) entfernt, ebenso wie alle Achsellymphknoten sowie die oberhalb der Achselvene bis zum Schlüsselbein. Nach dem Eingriff waren viele Frauen zwar vom Krebs geheilt, blieben in ihren Bewegungen jedoch ihr Leben lang stark eingeschränkt.

1895: Der Physiker Wilhelm Röntgen (* 1845; † 1923) entdeckte die Röntgenstrahlen. Mit Hilfe der Strahlung begannen Mediziner, ihre Patienten auf Knochenbrüche und Lungenschatten zu „durchleuchten“ – und fanden heraus, dass sie damit auch Krebszellen abtöten können.

1896: In den USA wurde die erste Brustkrebspatientin bestrahlt.


20. Jahrhundert

Ab 1930: David H. Patey (* 1899; † 1977), Geoffrey Keynes (* 1887; † 1982) und Robert McWhirter entwickelten eine weniger radikale Form der Mastektomie, bei der die Brustmuskeln nicht entfernt werden mussten. 1948 publiziert Patey seine Ergebnisse: Die Überlebensrate war genauso hoch wie bei der kompletten Entfernung des Brustmuskels. Der Eingriff wird heute noch als modifiziert-radikale Mastektomie bezeichnet – trotzdem sollte es bis weit in die 1950er Jahre dauern, bis sie sich gegen Halsteds Methode durchsetzte. Hierzu schrieb Keynes an einen Kollegen: „Mein Gott, wie können sie [die Ärzte] nur glauben, dass so ein Gemetzel wirklich notwendig ist?“.

1942: Im Jahr 1822 stellte der belgische Chemiker César-Mansuète Despretz (* um 1790; † 1863) Senfgas her, später von den Deutschen im Ersten Weltkrieg als Waffe eingesetzt – mit verheerenden Folgen: Zigtausend Menschen starben. Senfgas tötet Zellen, insbesondere jene, die sich schnell teilen. Wissenschaftler kamen daher auf die Idee, die Waffe als Therapeutikum gegen Krebs einzusetzen. 1942 wurde in New York der erste Patient mit Chemotherapeutika behandelt.

Um 1965: Bernhard Fisher (* 1918) in den USA und Umberto Veronesi (* 1925; † 2016) in Mailand konnten zeigen, dass durch brusterhaltende Operationsverfahren (Quadrantektomie beziehungsweise Tumorektomie mit Entfernung der Lymphknoten in der Achselhöhle und postoperativer Bestrahlung) bei früherkannten, kleinen Tumoren gleiche Überlebensraten erzielt werden wie bei der radikalen Mastektomie.

Seit den 1970ern werden Mammakarzinome zunehmend brusterhaltend operiert.

21. Jahrhundert

2017: Gut 70 Prozent der Brustkrebspatientinnen werden brusterhaltend operiert und erhalten anschließend eine Strahlentherapie. Wird Brustkrebs frühzeitig erkannt, gilt er zu 80 Prozent heilbar.



Quellen:

Lorenz, Andreas (2003): Die Rolle der primären systemischen Chemotherapie bei der Behandlung des Mammakarzinoms. Dissertation. Medizinische Fakultät Charité - Universitätsmedizin Berlin. Online verfügbar unter http://www.diss.fu-berlin.de/diss/receive/FUDISS_thesis_000000001026

Olson, James S. (2002): Bathsheba's Breast: Women, Cancer, and History. Baltimore, Maryland: Johns Hopkins University Press.

Hoffritz, Jutta (2011): Medizingeschichte: „Der Schmertz kam sehr heftig.“ In: Zeit Online, online verfügbar unter http://www.zeit.de/2011/10/Historie-Krebs


16. Januar 2018


Illustrationen:

  1. Wound after removal of mamma and axillary glands, stitched. Antiseptic Surgery Cheyne, W. Watson Published: 1882
  2. Diagrams illustrating how to perform a mastectomy and cauterise the wound. Pen drawing by ZS after an engraving, 1603.
  3. Dressing applied in a case of abscess of the mamma (breast dressing no. 1). And breast dressing no. 2. Antiseptic Surgery Cheyne, W. Watson Published: 1882
  4. Surgery: cancer of the breast, diagram showing skin incisions Surgical papers William Stewart Halsted Published: 1924
Quelle: Wellcome Library, London. Wellcome Images

 
Stella Hombach

Von Stella Hombach
E-Mail-Adresse: stella.hombach@amoena.com




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