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„Eine Brustprothese kann helfen, den veränderten Körper zu akzeptieren“

Wie Frauen den Verlust ihrer Brust nach Brustkrebs bewältigen, hängt davon ab, was Frausein für sie bedeutet. Ein Interview.

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„Eine Brustprothese kann helfen, den veränderten Körper zu akzeptieren“

Regina Wiedemann ist Pflegewissenschaftlerin. In ihrer Dissertation hat sie untersucht, wie es in Deutschland um die brustprothetische Versorgung von Frauen nach einer Mastektomie aufgrund von Brustkrebs bestellt ist. Im ersten Teil unseres Interviews geht es um die betroffenen Frauen. Was erwarten sie nach der Operation von einer Brustprothese und was bedeutet es, wenn eine Interviewpartnerin sagt: „‚Draußen’ trage ich sie und ‚drinnen’ eher nicht“?


Teil 1: Die Frauen


Redaktion: Sie haben in den letzten fünf Jahren die brustprothetische Versorgung von Frauen nach einer Brustentfernung in Deutschland untersucht. Ihre Literaturrecherche ergab, dass gut 70 bis 80 Prozent mit ihrem äußerlichen Brustausgleich zufrieden sind. Läuft in der Versorgung also alles gut?

Regina Wiedemann: Einerseits ja. Andererseits gibt es ja immer noch die 20 bis 30 Prozent, die mit ihrer Brustprothese nicht zufrieden sind. Das ist aber auch nicht das Entscheidende. Ursprünglich wollte ich mit meiner Arbeit den Prozess der Versorgung mit einer Brustprothese verstehen. Hierfür habe ich 20 Frauen interviewt, die mir von ihren Erfahrungen erzählten. Dabei merkte ich jedoch schnell, dass ich zuerst die Gefühle der Frauen verstehen muss, um wirklich begreifen zu können, welche Ansprüche sie an die Versorgung und an ihre Brustprothese stellen.

Sie haben die brustprothetische Versorgung in zwei Phasen unterteilt. Die erste Phase nennen sie „Schock und Krise“. Was hat es damit auf sich?

Diese Phase bezieht sich auf die Zeit der Diagnose und der folgenden operativen Therapie. Noch während des Krankenhausaufenthaltes erhalten die Frauen eine Erstversorgungsprothese. In dieser Zeit stehen viele Patientinnen unter Schock, nehmen die Behandlung und das, was mit ihnen passiert, gar nicht richtig wahr. Vielmehr wollen sie den Krebs so schnell wie möglich loswerden, fühlen sich, als hätte man ihnen „den Boden unter den Füßen weggerissen“.

 

Anfangs ist das Aussehen der Brustprothese egal


Sie befinden sich in einer Ausnahmesituation.

Richtig. Stehen sie nach der Operation dann das erste Mal vor dem Spiegel, sind sie erstmals mit ihrem „beschädigten“ Körper konfrontiert und es folgt der zweite Schock. Die Frauen wissen zwar, was auf sie zukommt, doch gleichzeitig ist es für sie nicht vorstellbar. Der Blick in den Spiegel wird für sie somit zur ersten konkreten körperlichen Erfahrung. Viele erkennen sich dann gar nicht wieder und denken: „Das bin doch nicht ich“. In diesem Moment wollen die Frauen meist nur eines: den Verlust kaschieren. Aussehen und Form der Brustprothese sind ihnen also egal und sie sind einfach „glücklich und froh, dass es so etwas wie eine Prothese gibt“.

Stand bei allen von Ihnen befragten Frauen von vornherein fest, dass bei ihnen eine Mastektomie notwendig ist?

Nein. Bei einigen Frauen war zunächst eine brusterhaltende Operation geplant. Nach der Operation wurden im Sicherheitssaum jedoch weitere Krebszellen gefunden. Dann folgte die Nachresektion und wieder wurden Krebszellen gefunden. Um nicht ein drittes oder viertes Mal operiert zu werden, entschieden sich manche dann von sich aus für die Entfernung ihrer Brust.

Diese Frauen hatten also wenig Zeit, sich auf den Verlust ihrer Brust vorzubereiten.

Ja, das stimmt. Einige konnten es jedoch positiv bewerten, diese Entscheidung selbst getroffen zu haben. Dadurch haben sie ein Stück Handlungsfähigkeit zurückgewonnen. Aber klar: Die Diagnose Nachresektion mit der darauffolgenden Mastektomie ist ein weiterer Schock.

Die Dissertation

Regina Wiedemann ist Pflegewissenschaftlerin und gelernte Krankenschwester. Für ihre Doktorarbeit „Brustprothetische Versorgung von Frauen nach Mastektomie in Deutschland. Eine empirische Untersuchung zur Bewältigung beschädigter Identität nach Brustverlust“ hat sie zwanzig Gespräche mit Frauen nach einer Brustamputation, sowie zwanzig Gespräche mit Professionellen, also Pflegenden, Fachberaterinnen im Sanitätsfachhandel und Herstellern von Brustprothesen geführt. Diese Interviews wurden auf Tonband aufgenommen, im Anschluss transkribiert und qualitativ ausgewertet. Im Sommer 2018 wird Regina Wiedemanns Doktorarbeit im Verlag Barbara Budrich veröffentlicht.

Wie geht es weiter, wenn der erste Schock überwunden ist, die Therapien abgeschlossen und die Frauen wieder zu Hause sind?

Sie möchten wieder zurück in ihr „normales Leben“ finden, das heißt: Normalität erleben. Dazu gehört auch, sich mit dem eigenen Körper auseinanderzusetzen, wenn möglich die „Ein-Seitigkeit“ anzunehmen – denn mit dem Körper wurde auch ein Teil ihrer Identität verletzt. Wie gut den Frauen das gelingt, hängt dann nicht nur davon ab, wie gut die Prothese die fehlende Brust „kaschiert“, sondern auch, was Weiblichkeit und Frausein für sie bedeuten.

Wie meinen Sie das?

Wie wir Menschen unsere Welt beurteilen, hat immer mit der eigenen Biografie zu tun, also damit, wie wir unser Leben erfahren. Bedeutet Frausein und Weiblichkeit für eine Frau, zwei Brüste zu haben, kann die Brustprothese noch so gut sein – sie wird sich mit ihr dennoch nicht wohlfühlen und ihre Brust wenn möglich später wiederaufbauen lassen. Frauen, die langfristig eine Prothese tragen, haben die Veränderung ihres Körpers meist akzeptiert. Für sie sind die Brüste oft nicht entscheidend dafür, sich weiblich zu fühlen. Oder es gibt andere Themen, die für sie wichtiger sind – etwa, dass sie die Krankheit überlebt haben, oder die Art und Weise, wie ihr Partner mit der Situation umgeht. Bei einer der befragten Frauen wurde ein genetisch bedingter Brustkrebs diagnostiziert. Ihre größte Sorge war es, dass sie das Gen an ihre Kinder weitergegeben haben könnte – was zum Glück nicht der Fall war.

 

Brustprothesen haben eine gesellschaftliche Funktion


Ist den Frauen bewusst, dass ihre Vorstellung von Weiblichkeit eine derart starke Auswirkung darauf hat, ob und wie sie es schaffen, den Brustverlust, aber auch die Prothese zu akzeptieren?

In der Regel nicht. Eine Ausnahme war eine Frau mit beidseitiger Mastektomie. Nach dem Eingriff setzte sie sich intensiv mit ihrem Köperbild auseinander und fragte sich, was Frau zu sein für sie bedeutet. Am Ende kam sie zu dem Schluss, dass sie sich nicht über ihre Brüste definieren lassen will und entschied, keine Prothesen mehr zu tragen – die Frau war aber auch aktiv in der 68er-Bewegung und trug Latzhosen anstelle von Minirock.

Was ist mit den anderen Frauen, die sich für eine Brustprothese entscheiden – was erwarten sie von einem Brustausgleich?

Dass sie ihrer verbliebenen Brust so ähnlich ist wie möglich, sowohl vom Aussehen her als auch vom Gefühl. Den meisten Frauen geht es tatsächlich vor allem darum, dass andere Menschen den Brustverlust nicht bemerken. Im Privaten, also wenn sie allein sind oder ihre Zeit mit Freunden und Familie verbringen, legen sie die Brustprothese hingegen oft ab. Das zu verstehen, hat in der Analyse dieser Forschungsarbeit tatsächlich etwas länger gebraucht.

Warum hat das länger gedauert?

In den Gesprächen sprachen einige Frauen immer von „drinnen“ und „draußen“: „Draußen trage ich die Prothese“, „Drinnen trage ich sie eher nicht“. Das bezog sich jedoch nicht auf die Örtlichkeit, sondern auf ihre sozialen Beziehungen. So legte eine der Frauen ihre Brustprothese beispielsweise nicht nur bei sich zu Hause ab, sondern auch im Garten.

Der Garten gehört also zu ihrem Zuhause.

Richtig – allerdings nur, solange kein anderer Mensch da war, der nicht zu ihrem näheren Umfeld gehörte. Spielte der Nachbar mit seinen Enkeln auf dem Rasen, ging sie rein und zog ihre Prothese wieder an. Die Brustprothese hat damit eine gesellschaftliche Funktion. Sie bietet der Frau Schutz und gibt ihr ein Stück Kontrolle zurück. Mit der Prothese kann sie selbst entscheiden, ob „es“ gesehen wird. Viele der Frauen fragten mich während unseres Gesprächs auch, ob ich wüsste, auf welcher Seite sie die Brustprothese tragen.

 

Frauen müssen bei der Auswahl ihrer Brustprothese die Wahl haben


Ein Zeichen von Selbstbewusstsein?

Eher vom Bedürfnis nach Sicherheit. Die meisten waren sich tatsächlich selbst nicht sicher, wie sie auf ihr Gegenüber wirken und ob ihre Brustprothese wirklich gut sitzt und natürlich aussieht. Einige Frauen wollten das Fehlen der Brust auch deshalb verbergen, um ihr Umfeld nicht mit dem Thema Brustkrebs zu belasten. So erzählte eine der Frauen beispielsweise, dass sie, wenn ihre Enkel zu Besuch kommen und sie fest umarmen, immer auch ein bisschen Angst vor der Frage hat: „Oma, was ist das?“

Was bedeutet das für die brustprothetische Versorgung?

Je besser die Brustprothese passt, je mehr sie der noch verbliebenen Brust ähnelt, desto mehr Sicherheit gibt sie den Frauen und desto besser können sie sie akzeptieren. Wichtig für die Akzeptanz ist jedoch auch, dass die Frauen aktiv zwischen verschiedenen Brustprothesen auswählen können und wissen, was für Modelle es eigentlich gibt. Denn selbst zu entscheiden, welche Brustprothese sie fortan tragen wollen, gibt ihnen auch ein Stück Autonomie zurück.


29. Juni 2018

Foto: Michela Ravasio/Stocksy