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„Das Selbstbewusstsein steigt”

„Das Selbstbewusstsein steigt”

Margret Werner, Fachbereichsleiterin der OTB GmbH für brustprothetische Versorgung, spricht mit uns über Brustkrebs. Ihr Fazit: Noch nie wurde über Brustkrebs so offen geredet. Trotzdem hinkt die Versorgung hinterher.


Redaktion: Bei dem Wort Brustprothese denken viele an einen schlechten Kompromiss oder an eine billige Ersatzlösung. Sind die Vorurteile noch berechtigt?

Margret Werner: Natürlich kann keine Prothese die fehlende Brust ersetzen. Trotzdem hilft sie vielen Frauen, sich wieder an ihren Körper zu gewöhnen und sich im Alltag zurechtzufinden. Zudem hat sich die Qualität der Prothesen deutlich verbessert.

Wie sieht diese Verbesserung aus?

Die Prothesen lassen sich heute viel besser an die Bedürfnisse der Frauen anpassen. Nicht nur an ihren Körper, sondern auch an ihre Lebensumstände. Da gibt es Haftprothesen für Frauen, die sich viel bewegen, Leichtprothesen für den Sport oder auch Prothesen zum Schlafen.

Schätzungen zu Folge entscheiden sich mehr als die Hälfte der Frauen, bei denen die Brust nicht erhalten werden kann, gegen den chirurgischen Wiederaufbau und für die Prothese. Woran liegt das? 

Die meisten Frauen sind erst einmal froh, wenn sie Operation und Chemotherapie überstanden haben. Der Wiederaufbau mittels Eigengewebe oder Implantat bedeutet dann einen erneuten chirurgischen Eingriff, bei dem nicht einmal sicher ist, ob der Körper das Gewebe annimmt. Außerdem wächst das Implantat nicht mit.

Was bedeutet „es wächst nicht mit“?

Unser Körper verändert sich mit den Jahren. Hinzu kommt, dass viele Betroffene nach der Erkrankung ihre Ernährung umstellen, regelmäßiger zum Sport gehen und gesünder leben. Nimmt eine Frau jetzt ab, kann es passieren, dass das Implantat nicht mehr passt und ausgetauscht werden muss. Daneben erschweren die Implantate auch die Nachsorge, da neue Metastasen fast nur noch übers MRT erkennbar sind. All das können Gründe sein, sich gegen einen Wiederaufbau und für eine Prothese zu entscheiden.

 

Brustkrebs ist kein Tabu mehr

 

Sie arbeiten jetzt seit über 20 Jahren in der brustprothetischen Versorgung. Was hat sich im Umgang mit dem Thema verändert?

Gerade die jungen Frauen wissen heute viel besser Bescheid und gehen sehr offen mit dem Thema um. Anstatt Selbsthilfegruppen zu besuchen, reden sie mit ihrer Familie, mit Freunden und auch mit dem Partner. Selbst über die Probleme beim Sex wird geredet.

Inwiefern ändert sich bei brustoperierten Frauen die Einstellung zum Sex?

Hier spielt vor allem die Scham eine große Rolle. Es ist ja nicht nur die Brust weg, auch die Haut ist vernarbter. Die körperliche Erscheinung entspricht nicht mehr der Norm und hiermit muss die Frau erst einmal klarkommen. Ohne Prothese fühlen sich daher viele beim Sex unwohl.

Es gibt keine Tabus mehr?

Kaum noch, im Gespräch und im Umgang mit Freunden und Arbeitskollegen dominiert die Offenheit. Zudem sind die Prothesen heute so gut, dass man sie im Alltag nur selten bemerkt. Schwierig wird es erst bei der eigenen körperlichen Akzeptanz. Ich kenne viele Frauen, die keinen Sex mehr ohne BH haben und die ihre Prothese nicht einmal zum Schlafen ablegen. Doch auch das ist kein Tabu. Auch hierüber wird geredet.

Woher kommt dieses Selbstbewusstsein?

Die Informationslage ist heute deutlich besser als noch vor 20 Jahren. Auch die Medien gehen anders mit dem Thema um. Sehen Sie sich Angelina Jolie oder die Schwimmerin Janine Pietsch an. Die Krankheit Brustkrebs hat ein öffentliches Gesicht bekommen.

Zur Person

Margret Werner arbeitet seit mehr als zwanzig Jahren bei der OTB GmbH – zunächst als Verkäuferin in einem Sanitätsfachgeschäft, dann als Filialleiterin. Seit 2003 versorgt sie schwerpunktmäßig Frauen nach einer Brustoperation und leitet heute den Unternehmensfachbereich Brustprothetik.

 

Die Betroffenen müssen richtig informiert und angemessen versorgt werden

 

In welchem Teil der Behandlung gibt es die größten Defizite?

Meiner Meinung nach in der Versorgung.

Wie äußert sich das?

Wir hier im Sana Klinikum Berlin-Lichtenberg sind beispielsweise spezialisiert und haben ein eigenes Kompetenzzentrum für Brustkrebs eingerichtet. Bei uns gibt es die komplette Rundum-Versorgung. Diese reicht vom behandelnden Onkologen über den speziell geschulten Psychologen bis hinein zu uns ins Sanitätsfachgeschäft. Keine Frau, der gerade eine Brust teil- oder gar ganz amputiert wurde, verlässt die Klinik ohne Erstprothese.

Ist die direkte Versorgung mit einer Erstprothese keine Standardleistung der Klinik?

Nein, jede Kassenpatientin besitzt zwar den Anspruch auf diese Versorgungsleistung. Doch leider gibt es – gerade auf dem Land – immer wieder Fälle, in denen Patienten einfach nach Hause geschickt werden, ohne eine Erstprothese erhalten zu haben und gar nicht über die Möglichkeit aufgeklärt wurden. Ich hatte mal eine Kundin, die seit ihrer Brustabnahme vor fünf Jahren nie eine Prothese getragen hat. Und das lag nicht daran, dass sie sich bewusst dagegen entschieden hätte, sondern daran, dass sie schlicht weg nicht wusste, dass ihr diese Versorgung zusteht.

Haben diese Versäumnisse nur mit der schlechten Informationspolitik einzelner Kliniken zu tun?

Nein. Ein anderes Problem liegt auch in der schlechten Infrastruktur vieler Kliniken, die nicht mit einem Sanitätshaus zusammenarbeiten. Problematisch wird das besonders in ländlichen Regionen. Anders als in Berlin oder Hamburg gibt es in Brandenburg oder Nordrhein-Westfalen nicht an jeder zweiten Ecke ein Sanitätsgeschäft. Oft müssen die Patienten erst in die nächste Stadt fahren, um angemessen versorgt zu werden. Und auch dort sind viele Sanitätshäuser nicht auf die Beratung von Brustkrebspatientinnen spezialisiert.

 

Zeit nehmen für kompetente Beratung

 

Worauf legen Sie in Ihrer Beratung wert?

Brustkrebs ist ein sensibles Thema. Mir ist es daher immer wichtig, dass die Frauen nicht einfach vorbeikommen, sondern dass sie sich vorher einen Termin geben lassen.

Wird die Versorgung dadurch nicht sehr unflexibel?

Wenn ich eine Frau berate, möchte ich ausreichend Zeit für sie haben. Da ist es mir auch egal, ob es sich hier um ein Erstgespräch handelt, oder ob die Frau eine Stammkundin ist, die ihre Haftprothese der Größe 12 schon seit mehreren Jahren trägt.

Warum möchten Sie mit jeder Frau ein Gespräch führen, auch mit der, die schon genau weiß, welche Prothese sie möchte?

Ich zwinge keiner Frau das Gespräch auf. Aber rein kassenrechtlich haben die Frauen alle zwei Jahre Anspruch auf eine neue Prothese. Das sind 24 Monate, in denen sich nicht nur ihr Körper, sondern auch ihr Lebensstil verändern kann. Die Prothese, die vor zwei Jahren die richtige war, muss es jetzt nicht mehr sein. Und egal wie offen viele Frauen heute über das Thema Brustkrebs reden, so gibt es doch immer wieder Probleme, die viele sich in ihrem Alltag selbst nicht eingestehen und die ihnen erst im Gespräch bewusst werden. Hierfür sind Kommunikation und vor allem Zeit wichtig.


1. August 2017

Foto: privat

 

Iris Hilgemeier

Von Iris Hilgemeier
E-Mail-Adresse: iris.hilgemeier@amoena.com

 



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