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Zucker lässt Krebszellen schneller wachsen – darauf deuten Studien hin. Aber stimmt das wirklich?

Krebszellen lassen sich nicht einfach „aushungern“

Zucker lässt manche Krebszellen schneller wachsen – darauf deuten zumindest Studien hin. Einige Ärzte raten ihren Patienten daher, zuckerhaltige Lebensmittel und Getränke aus ihrem Ernährungsplan zu streichen. Aber nutzt das wirklich?

Im April 2016 diagnostizierten die Ärzte bei Mathilda Berger* Brustkrebs – genauer gesagt ein „invasiv-duktales Karzinom links mit mindestens zwei Tumorherden“, wie die 39-Jährige in ihrem Blog „Leben mit Brustkrebs“ schreibt. Für Berger ein Schock. Doch anstatt zu verzweifeln oder sich lange mit der Frage nach dem Warum aufzuhalten, begann sie zu recherchieren: Berger wollte wissen, was sie aktiv tun kann, um ihre Krebserkrankung positiv zu beeinflussen.

Im Internet stieß Berger auf ein Experiment des Harvard-Wissenschaftlers Lewis Cantley aus dem Jahr 2013. Zusammen mit seinem Team konnte er belegen, dass Brustkrebszellen aufhören zu wachsen, wenn man ihnen den Zucker entzieht – zumindest in der Petrischale.

„Krebszellen sind abhängig von Zucker“

Dass Tumorzellen auf Zucker reagieren, ist in der Medizin seit langem bekannt. In der Diagnostik macht man sich dieses Verhalten sogar zunutze. Für den sogenannten PET-Scan, ein spezielles bildgebendes Verfahren zur Krebserkennung, wird Tumorpatienten eine radioaktiv markierte Glukoselösung – ein sogenanntes Radiopharmakon – in die Armvene gespritzt. Dort, wo die Zellen die süße Flüssigkeit besonders stark konsumieren, sitzt meist der Tumor.

Vermutlich liegt es an den Mitochondrien, dass Krebszellen so sehr auf Glukose (Zucker) angewiesen sind. Mit ihrer Hilfe nehmen gesunde Zellen Fette, Eiweiße und Zucker aus der Nahrung auf, verbrennen sie und erzeugen so Energie. In Krebszellen scheint die Funktion der Mitochondrien jedoch häufig gestört zu sein. Fette, ebenso wie viele Eiweiße, sind für sie nutzlos.

Die Folge: Um Energie zu gewinnen, brauchen Krebszellen Zucker – dieser wird jedoch nicht verbrannt, sondern vergoren. Es entsteht Milchsäure; das umliegende gesunde Gewebe übersäuert, wodurch die Krebszellen leichter in das Gewebe eindringen können. Die Übersäuerung hemmt zudem die Aktivität der Immunzellen und damit das körpereigene Abwehrsystem. „Krebszellen sind abhängig von Zucker“, schlussfolgert Cantley im Interview mit der ARD, „ohne ihn sterben sie.“

Der Körper ist nie zuckerfrei

Für Bloggerin Berger war dies ein triftiges Argument, sich zu fragen: Sollte ich süße Lebensmittel und Getränke fortan von meinem Speiseplan streichen?

Süßigkeiten und Früchte, die eine Menge Fruchtzucker enthalten – etwa Orangen – sind bei der sogenannten ketogenen Diät, einer Form der Low-Carb-Ernährung, tabu. Ebenso wie Kartoffeln, Nudeln und Müsli, denn auch die Kohlenhydrate, die in diesen Lebensmitteln enthalten sind, spalten unsere Zellen im Verdauungstrakt wieder in Einfachzucker, also Glukose auf. Erlaubt sind viel Gemüse und Fisch, aber auch fettreiche Lebensmittel wie Eier, Fleisch, Nüsse sowie Milchprodukte wie Sahne und Käse.

Ziel der Diät ist die sogenannte Ketose: Der langfristige Zuckermangel soll den Körper dazu bringen, seinen Stoffwechsel zu ändern. Statt aus Zucker sollen die Zellen ihre Energie fortan nur noch aus Fetten und Eiweißen gewinnen. Das Ergebnis: Der Tumor „verhungert“ – zumindest in der Theorie.

Ernährungswissenschaftler des Tumorzentrums München (TZM) sind von diesem Ansatz nicht überzeugt. Bisher gebe es keine ausreichenden Belege für die positive Wirkung der ketogenen Diät, heißt es beim TZM. Von Zellkulturen auf den Menschen zu schließen, sei „unseriös“. Für Menschen mit Krebserkrankungen sei die ketogene Diät daher nicht zu empfehlen.

Zucker ist nicht gleich Zucker

Unser Körper gewinnt aus Zucker Energie. Eine Studie der University of Texas (UT) aus dem Jahr 2016 zeigt, dass Krebszellen unterschiedlich auf die jeweiligen Zuckerarten reagieren.

Die Wissenschaftler injizierten einer Reihe von Mäusen unterschiedliche Brustkrebszellen, teilten sie in vier Gruppen ein und fütterten sie sechs Monate lang mit verschiedenen Zuckerarten. Das Ergebnis: Von den Nagern, die ihre Kohlenhydrate als Mehrfachzucker (Polysaccharide) zu sich nahmen, erkrankte knapp jede Dritte (30 Prozent) an Brustkrebs. Bei den Mäusen, die überwiegend mit Saccharose (Zweifachzucker/Disaccharid) oder Fruktose (Einfachfachzucker/Monosaccharid) gefüttert wurden, war es gut die Hälfte (zwischen 50 und 58 Prozent). Inwieweit diese Ergebnisse auf den Menschen übertragbar sind, muss noch geprüft werden.

Dem Urteil schließt sich auch Professorin Jutta Hübner, Wissenschaftlerin und Mitglied der Arbeitsgruppe Prävention und Integrative Onkologie (PRiO) der Deutschen Krebsgesellschaft an: „Zum jetzigen Zeitpunkt liegt keine wissenschaftliche Untersuchung vor, die belegt, dass eine derartige Kostform (Anmerkung der Redaktion: gemeint ist die Anwendung einer kohlenhydratarmen oder ketogenen Diät) Wachstum und Metastasierung eines Tumors beim Menschen verhindern beziehungsweise zurückdrängen kann.“

Abgesehen davon, dass es bislang keine Studie gibt, die den Nutzen der ketogenen Diät nachweist, so Hübner, sei auch die Theorie zumindest fragwürdig: „Ihren Blutzuckerspiegel sollten Krebspatienten tatsächlich gar nicht zu sehr senken – ebenso wenig wie Gesunde.“

Krebszellen lernen und wachsen noch schneller

Warum das so ist? „Erhält der Körper lange Zeit keine Kohlenhydrate, schüttet er das Hormon Glugacon und andere Stresshormone aus“, erklärt die Forscherin, „diese setzen vor allem in der Leber die Neubildung von Zucker in Gang.“ Selbst beim Fasten ist der Körper also nie ganz zuckerfrei. „Ein schlauer evolutionärer Mechanismus“, sagt Hübner. Denn ohne die Zufuhr von Zucker wäre der Mensch gar nicht überlebensfähig.

Und Hübner weist auf noch etwas hin: „Entzieht man Krebszellen den Zucker“, erzählt sie, „schalten viele Krebszellen ihren Stoffwechsel tatsächlich um und wachsen langsamer.“ Mit der Zeit lernen sie jedoch, Eiweiße und Fette zu verstoffwechseln und wachsen dann sogar noch schneller. Manche Krebszellen mutieren sogar zu bösartigen Stammzellen.

In einem Punkt kann sie den Verfechtern der ketogenen Diät allerdings zustimmen: Schnell verfügbare Kohlenhydrate, die den Blutzuckerspiegel innerhalb kürzester Zeit in die Höhe schnellen lassen, können das Wachstum von Tumoren tatsächlich pushen. Sie empfiehlt Krebspatienten daher, sich ausgewogen zu ernähren und raffinierten Zucker in Maßen zu konsumieren.

Essen sollte man genießen

So sieht das auch Mathilda Berger. Angeregt durch ihre Recherchen und auf Empfehlung ihrer Ärztin stellte sie ihre Ernährung vor Beginn der Chemotherapie um – auch, um (starke) Übelkeit während der Behandlung zu vermeiden. Sie verzichtete auf mit Zucker versetzte Lebensmittel und strich schnell verfügbare Kohlenhydrate von ihrem Speiseplan. Darunter Nudeln und Schokolade. Ihre Ernährung richtet sich damit weitestgehend nach der ketogenen Diät.

Allerdings nur weitestgehend. Denn die Bloggerin weiß: „Komplexe Kohlenhydrate und Ballaststoffe gehören zu einer gesunden Ernährung dazu.“ Das hat sie mit einer Ernährungsberaterin in der Uni-Klinik eingehend erörtert. Außerdem ist Berger Genießerin. Wenn sie Lust auf Eis oder Kuchen hat, greift sie auch mal zu – und geht danach eine Runde Spazieren oder treibt Sport. Denn auch mit Bewegung lässt sich unser Blutzuckerspiegel senken.

Krebszellen lassen sich nicht einfach „aushungern“

*„Mathilda Berger“ ist das Pseudonym der Bloggerin.

 


21. Februar 2018

Illustrationen: Yulia She/Shutterstock
Grafik: Sandy Braun

Stella Hombach

Von Claudia Kaltenecker
E-Mail-Adresse: claudia.kaltenecker@amoena.com