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„Mit den Operationstechniken verändern sich die Anforderungen“

„Mit den Operationstechniken verändern sich die Anforderungen“

Helmut Wild ist bei Amoena verantwortlich für die Entwicklung von Brustprothesen. Im Interview erklärt der erfahrene Ingenieur für Kunststofftechnik, wie unterschiedlich die Ansprüche der Trägerinnen weltweit sind und warum er das Potenzial der Haftprothese anfangs falsch eingeschätzt hat.

 

Redaktion: Sie entwickeln seit gut 30 Jahren Brustprothesen. Wie hat sich der Markt über die Jahrzehnte verändert? 

Helmut Wild: Zeitlich würde ich das gar nicht einordnen wollen. Die Produktentwicklung richtet sich in erster Linie nach den Bedürfnissen der brustoperierten Frauen – und die sind von Land zu Land sehr unterschiedlich. In den USA bevorzugen Frauen gewichtsreduzierte Prothesen, frei nach dem Motto: „Je leichter, desto besser“. In Deutschland begann diese Entwicklung später. Spanierinnen und Italienerinnen tragen hingegen eher die normalen Standardprothesen.

Um das Gewicht der fehlenden Brust 1:1 auszugleichen?

Richtig. Früher war dies die gängige Meinung, heute haben sich die gewichtsreduzierten Epithesen durchgesetzt. Wenn 1:1 ausgeglichen wird, dann empfindet die Frau das Gewicht der Prothese oft als schwerer, da es praktisch ausschließlich vom BH getragen wird. Neben länderspezifischen Gewohnheiten gibt es aber auch rein anatomisch unterschiedliche Brustgrößen. Britinnen und Australierinnen haben im Schnitt eher große Brüste, Asiatinnen eher kleine. Im europäischen Vergleich bewegen sich deutsche Frauen im Mittelfeld, sie haben in der Regel jedoch einen größeren Unterbrustumfang.

Was genau sind eigentlich „gewichtsreduzierte Prothesen“?

Bei gewichtsreduzierten Prothesen sind dem Silikon Leichtfüllstoffe beigemischt. Diese haben wir Mitte der 1990er Jahre entwickelt. Im Ergebnis können Light-Prothesen bis zu 40 Prozent leichter sein als übliche Silikonprothesen gleicher Größe und Form. Es gibt sie in verschiedenen Ausführungen – als Einschicht- oder Mehrschicht-Prothesen. Viele unserer Brustepithesen enthalten außerdem temperaturregulierendes Material.

 

Die Kosten für die Brustprothese werden nicht in jedem Land erstattet


Werden heute noch die gleichen Formen für Prothesen verwendet wie vor 30 Jahren?

Nein, und das liegt vor allem an den neuen Operationsmethoden. Früher, als die Diagnostik, die operativen Techniken und die Nachbehandlung noch nicht so weit entwickelt waren wie heute, wurde bei den betroffenen Frauen neben der Brustdrüse oft auch der große Brustmuskel entfernt – ebenso wie zahlreiche Lymphknoten aus der Achselhöhle. Das dadurch entstandene Gewebedefizit und die Narbenfläche waren sehr ausgedehnt, dementsprechend breite und tiefreichende Flächen mussten mit den Brustprothesen abgedeckt werden. Heute wird überwiegend brusterhaltend operiert. Das verändert die Anforderungen an Form und Größe der Prothesen enorm – zumindest in den medizinisch fortschrittlichen Ländern wie in Europa oder Nordamerika.

In Ländern wie Russland oder China ist das anders?

Die medizinische Versorgung dort ist mit der in Mitteleuropa nicht vergleichbar. Anders als bei uns gibt es in Russland und China für Brustkrebspatientinnen oft keine Möglichkeiten für Bestrahlung oder Chemotherapie. Meist wird einfach die erkrankte Brust entfernt. Das ästhetische Ergebnis spielt dabei keine Rolle, nur das Überleben zählt. 

Wie sieht es mit der Kostenübernahme für Brustprothesen aus?

Sehr unterschiedlich. In den entwickelten westlichen Ländern werden die Kosten für Prothesen in der Regel erstattet. Anderswo müssen Frauen für eine Epithesenversorgung meist selbst aufkommen. Prothesen gelten in jenen Ländern als kosmetisches Produkt, nicht als medizinisch notwendiges Hilfsmittel. Auch in vielen afrikanischen Ländern können sich oft nur finanziell besser gestellte Frauen einen Brustausgleich leisten. In Asien tritt Brustkrebs glücklicherweise relativ selten auf. In Japan entwickelt gerade mal jede dreißigste Frau einen Tumor in der Brust – in den USA ist es jede achte.


„Silikon passt sich dem Körper natürlich an“ 


Am Anfang unseres Gesprächs erwähnten Sie die unterschiedlichen Brustgrößen. Ist es anspruchsvoller, große Epithesen herzustellen?

Der Herstellungsprozess ist derselbe. Die Schwierigkeit liegt vielmehr darin, Brustprothese und BH aufeinander abzustimmen. Bei einem A-, B- oder C-Cup ist das für gewöhnlich kein Problem. Die Versorgung von Frauen mit größeren Brüsten ist tatsächlich etwas komplizierter. Aber auch dafür haben wir gute Lösungen, sowohl bei den Prothesen als auch bei den BHs. Auch unsere Designerinnen achten bei der Entwicklung verstärkt auf große Größen.

Warum bestehen Brustprothesen eigentlich immer aus Silikon?

Silikon ist weich, passt sich dem Körper natürlich an und kommt der weiblichen Brust in seinem Bewegungsverhalten am nächsten. Außerdem ist es extrem hautfreundlich.

Sie kennen die Anforderungen der Frauen an Brustprothesen recht gut. Sind Sie dennoch einmal von der tatsächlichen Reaktion der Kundinnen auf eine Neuentwicklung überrascht worden?

Als wir Ende der 1990er Jahre die Haftprothese entwickelten, rechneten wir mit einer großen Nachfrage. Anders als bei Standardprothesen tragen Frauen eine Haftprothese nicht in der Tasche ihres BHs, sondern direkt auf der Haut. Das Material der Contact Prothese sorgt dafür, dass sie richtig haftet und sich beim Laufen mit dem Körper bewegt. Die Prothese entspricht der weiblichen Brust damit schon sehr weitgehend.

Das hört sich doch sehr gut an.

Dachten wir auch – und die Idee war auch richtig. Tatsächlich empfinden viele Frauen die Haftprothese als enormen Gewinn und möchten sie nicht mehr missen. Andere möchten sich nach Brustkrebserkrankung und Operation jedoch nicht weiter mit ihrer fehlenden Brust auseinandersetzen.


Brustprothesen sind keine Deko 


Wie meinen Sie das?

Trägt eine Frau ihre Prothese im BH, muss sie diese morgens nur in die Tasche einlegen und schon ist sie fertig. Bei der Haftprothese ist etwas mehr Aufwand nötig, denn sie wird jeden Morgen vor dem Spiegel neu angelegt. Am Abend muss sie nach dem Abnehmen gereinigt werden. Diesen Mehraufwand scheuen viele Frauen. Die meisten Haftprothesen-Trägerinnen gewöhnen sich jedoch relativ schnell daran und werden dann zu echten Fans oder gar Botschafterinnen für die Contact. Für sie gehört das Reinigen mit der Zeit einfach zum Alltag – genauso wie Duschen und Zähneputzen.

Die Orthopädietechnikerin und Künstlerin Sophia de Oliveira Barata designt Arm- und Beinprothesen, die mit Blumenornamenten oder Strass verziert sind. Können Sie sich etwas Ähnliches auch bei Brustprothesen vorstellen?

Vielleicht in den USA – dort gehen die Menschen teilweise sehr offensiv mit ihren Handicaps um. In der Regel wollen brustoperierte Frauen bei uns jedoch keine Dekoration. Aber wer weiß: Man soll niemals nie sagen.



23. Oktober 2017

 

Foto: Tobias Gratz

Stella Hombach

Von Stella Hombach
E-Mail-Adresse: stella.hombach@amoena.com



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