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„Manche Krebszellen lassen sich nicht orten“

Manche Krebszellen lassen sich nicht ordnen

Ein Großteil der Brustkrebs-Patientinnen wird heute brusterhaltend operiert. Für wen die Behandlung infrage kommt und warum Nachoperationen an sich nichts Schlechtes sind, darüber sprachen wir mit Simone Wesselmann von der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG).

Redaktion: Kann sich heute jede Frau mit einem Mammakarzinom brusterhaltend operieren lassen?

Simone Wesselmann: Nein, aber die meisten. Tatsächlich erhalten in den zertifizierten Brustkrebszentren mittlerweile über 80 Prozent der Patientinnen mit einer Tumorgröße von bis zu zwei Zentimetern eine brusterhaltende Therapie (BET). Entscheidend ist außerdem die Größe des Tumors im Verhältnis zur Größe der Brust. Je kleiner das Karzinom, desto größer die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen BET. Und er muss lokal begrenzt sein. Bei einem Rezidiv oder einem inflammatorischen Tumor machen brusterhaltende Operationen allerdings keinen Sinn.

Was ist ein inflammatorischer Tumor?

Ein bestimmter und sehr seltener Typ von Brustkrebs. Inflammatorische Karzinome haben keinen abtastbaren Rand. Das heißt, der Chirurg kann ihn nicht eindeutig orten und weiß nicht, wie viel Gewebe er tatsächlich herausschneiden muss. Daneben gibt es aber auch Frauen, die sich bewusst gegen die BET entscheiden.

Und warum?

Das ist unterschiedlich: Die einen haben durch eine genetische Veranlagung ein erhöhtes Brustkrebsrisiko und wollen auf Nummer sicher gehen. Andere haben vielleicht eine sehr kleine Brust. Bei ihnen fällt der Größenunterschied also selbst dann auf, wenn der Tumor sehr klein ist. Sie entscheiden sich dann meist für eine Mastektomie und lassen die Brust wiederaufbauen oder tragen Brustprothesen.

 

Die Lebenserwartung bei BET und Mastektomie ist gleich hoch


Simone WesselmannHaben Frauen, die eine Mastektomie erhalten, eine höhere Lebenserwartung als jene, die sich für die BET entscheiden?

Nein, wenn die Patientin nach der BET eine Bestrahlung bekommt, ist ihre Lebenserwartung dieselbe wie die einer Patientin, deren Brustdrüse komplett entfernt wurde.

Warum ist die Bestrahlung dabei ausschlaggebend?

Weil im Brustgewebe und in den Lymphknoten immer Krebszellen vorhanden sein können, die sich mit unseren bildgebenden Verfahren nicht orten lassen und daher nicht sicher zu finden sind. Die Bestrahlung senkt damit das Risiko eines „Lokalrezidivs“. Wie oft und wie lange bestrahlt wird, richtet sich nach der Art des Brusttumors.

Gibt es Nachteile bei der brusterhaltenden Therapie, die eine Patientin vor ihrer Entscheidung bedenken sollte?

Das lässt sich nur individuell beantworten. Auf der einen Seite wird der Frau die Brust nicht abgenommen. Dafür erhält sie eine Bestrahlung. Ich würde die Vor- und Nachteile gar nicht gegeneinander aufrechnen. Letztlich sind es zwei unterschiedliche Behandlungsmethoden. Meiner Meinung nach bemisst sich die Qualität der Behandlung daran, dass die Patientin umfassend aufgeklärt wird und die Wahl hat, sich zwischen Mastektomie mit Wiederaufbau und brusterhaltender Therapie mit Bestrahlung zu entscheiden – sofern die Voraussetzungen gegeben sind.

 

Werden Krebszellen übersehen, wird nachoperiert


Forscher der Universität Wisconsin haben 2014 die Daten des amerikanischen Krebsregisters aus den Jahren 2004 bis 2010 untersucht. Dabei kam heraus, dass gut jede vierte Frau nach einer BET nachoperiert werden musste. Woran liegt das?

Bei einer brusterhaltenden Operation werden Tumore immer mit einem bestimmten Sicherheitssaum entfernt. Auf diese Weise wollen die Ärzte sichergehen, dass sie keine Krebszellen übersehen. Lässt sich der Brustkrebs eindeutig ertasten – oft fühlt er sich an wie eine kleine Kugel – ist das in der Regel auch kein Problem. Es gibt jedoch Tumore, die sich nicht eindeutig erfühlen lassen. Bei ihnen muss der Chirurg dann entscheiden, wie viel Gewebe er herausschneiden muss. Stellt der Pathologe dann im Labor fest, dass Krebszellen am Rand des Tumors nachweisbar sind, wird nachoperiert.

Wie sieht die operierte Brust am Ende aus – sind die Frauen mit dem Ergebnis zufrieden?

Wird einer Patientin mit einem B- oder C-Körbchen ein kleiner Tumor entfernt, bleibt in der Regel nur eine unauffällige Narbe zurück und der Größenunterschied fällt kaum auf. Trotzdem wird es Frauen geben, die mit dem Ergebnis nicht zufrieden sind. Statistiken haben wir hierzu allerdings nicht. Das wäre ein interessantes Thema für eine Umfrage.

Brusterhaltende Therapie (BET): Operationsmethoden

Etwa 70 bis 80 Prozent der Brustkrebspatientinnen werden heute brusterhaltend operiert, das heißt, nur der betroffene Anteil des Brustgewebes wird entfernt. Eine vollständige Amputation der Brust (Mastektomie) wird so vermieden. Voraussetzung für eine brusterhaltende Therapie ist, dass der Chirurg den Tumor im gesunden Gewebe entfernen kann und ein zufriedenstellendes ästhetisches Ergebnis möglich ist.

Bei der brusterhaltenden Therapie (BET) werden im Wesentlichen drei Operationstechniken zur partiellen Resektion, also zur teilweisen Entfernung, unterschieden:
  • Lumpektomie (Tumorektomie): Tumorentfernung mit Sicherheitsabstand; dies ist nur möglich, wenn der Tumor nicht größer ist als 30 Millimeter.
  • Quadrantenresektion (Quadrantektomie): Entfernung des Quadranten (lat. quadrans ‚ „Viertel“), in dem der Tumor sitzt, zusammen mit der darüber liegenden Haut.
  • Segmentresektion (Segmentektomie): Entfernung des ganzen Brustsegments, mit einem Teil der Haut, der Mamille (Brustwarze) und der Faszie des großen Brustmuskels.

Mit welchem Operationsverfahren der Tumor entfernt wird, entscheidet sich meist während der Operation. Der Grund: Erst während des Eingriffs lassen sich Größe und Lokalisation des Tumors sowie der nötige Sicherheitsabstand (Resektionsgrenze) genau bestimmen.

Bei der brusterhaltenden Therapie eines duktalen Carcinoma in situ (DCIS), bei dem sich die Tumorzellen nur innerhalb der Milchgänge befinden, sollte der Sicherheitsabstand in der Regel mindestens 1 Millimeter betragen. Laut der aktuellen S3-Leitlinie „Mammakarzinom“ ist ein 2 Millimeter breiter Resektionsrand allerdings mit einem geringeren Rezidivrisiko verbunden. Wird die Brust danach bestrahlt, unterscheidet sich das Ergebnis in Bezug auf Rezidivrisiko und Überlebensrate statistisch nicht von dem, das bei einem 5 Millimeter breiten Resektionsrand erreicht wird.


Hinweis zu medizinischen Inhalten

Art, Verlauf und Therapie einer Brustkrebserkrankung sind von Frau zu Frau unterschiedlich. Wir bemühen uns, Sie umfassend, sachlich korrekt und verständlich über medizinische Hintergründe zu informieren. Eine Beratung oder Behandlung durch einen Arzt können diese Informationen jedoch nicht ersetzen. Die Informationen können Sie jedoch bei der Vor- oder Nachbereitung eines Arztbesuches unterstützen.


9. April 2018

Illustration: Sandy Braun
Foto: ro-b.com Photography

 

Stella Hombach

Von Stella Hombach
E-Mail-Adresse: stella.hombach@amoena.com




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