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„Ich lebe noch immer – trotz Metastasen“

„Ich lebe noch immer – trotz Metastasen“

Claudia Altmann-Pospischek ist Anfang 40 und hat metastasierten Brustkrebs. Im Interview erzählt die Österreicherin, wie ihr Leben mit der Krankheit aussieht, warum sie begonnen hat zu bloggen („Claudia’s Cancer Challenge“) und wie ihr Weg sie zurück in das Berufsleben führte.


Redaktion: In einem Facebook-Post schreibst du, dass deine Hand jeden Morgen nach dem Aufstehen leicht geschwollen ist. Woher kommt das?

Claudia Altmann-Pospischek: Das sind vermutlich die Medikamente. Aufgrund meiner Grunderkrankung und der Metastasen muss ich täglich einiges einnehmen.

Welche Medikamente sind das?

Antihormone – diese halten meinen Hormonspiegel niedrig, was den Krebszellen die „Nahrung“ entzieht. Dazu bekomme ich Antikörper, die die Blutzufuhr zu den Metastasen kappen und so ihr Wachstum hemmen. Allerdings ist dadurch mein Blutdruck angestiegen und meine Nierenfunktion beeinträchtigt – auch dagegen bekomme ich Tabletten.

Wann wurde der Brustkrebs bei dir diagnostiziert?

Das ist nun bald fünf Jahre her – im Juli 2013. Ich war damals 38 Jahre alt und habe den Knoten in meiner linken Brust selbst ertastet. Mein Gynäkologe meinte, der Knubbel sei nicht weiter schlimm, ich solle aber sicherheitshalber zum Radiologen gehen. Mit Hilfe der Mammografiestand dann schnell fest, dass es sich um einen Tumor handelte – noch dazu bösartig.

Woran erkennt ein Radiologe das?

Gutartige Tumore erscheinen meist rund und haben gut abgrenzbare Ränder. Meiner war jedoch sternförmig ausgefranst und bereits mit dem umliegenden Brustgewebe verwachsen. Nach der Operation sah vorerst alles relativ gut aus: Die Lymphknoten waren nicht befallen und da ich den Tumor bereits früh entdeckt hatte, ließ er sich gänzlich entfernen.

 

Chemo mit Nebenwirkungen


Du wurdest also brusterhaltend operiert.

Ja. Dass ich an der Brust operiert wurde, sieht man heute nur noch ein wenig im Dekolleté. Dort ist eine kleine Einkerbung zurückgeblieben. Nachdem das Krebsgewebe entfernt worden war, wurde am nächsten Tag noch eine CT Thorax/Abdomen durchgeführt.

Um herauszufinden, ob der Krebs in andere Organe gestreut hatte?

Ja. In Österreich ist das Routine. Das Ergebnis war ein Schock: Meine Leber war übersät mit Tumoren – der größte maß  4,3 Zentimeter. Und auch in meinen Knochen fanden sich Metastasen. In dem Moment war klar, dass ich nie mehr gesund werden würde. Durchschnittlich lebt man mit metastasiertem Brustkrebs noch zwei bis vier Jahre.

Wie ging es dann weiter?

Ich bekam eine Chemotherapie mittels Infusion, Bestrahlungen, Antihormontherapie, Knochenaufbauspritzen (um die von den Metastasen angegriffenen Knochen zu stärken) und wurde zweimal an der Leber operiert. Als die Metastasen erneut zu wachsen begannen, folgte eine zweite Chemotherapie – dieses Mal allerdings mit Tabletten. Und tatsächlich bildeten sie sich weitestgehend zurück. Heute sind sie mit den bildgebenden Verfahren nicht mehr nachweisbar – ich gelte im Moment als tumorfrei. Ein Etappensieg!

Die Chemo-Tabletten gehören heute also nicht mehr zu deinem Medikamenten-Mix?

Nein. Und darüber bin ich unheimlich froh. Tatsächlich ging es mir in den neun Monaten der Tabletten-Chemo so schlecht wie nie zuvor in meinem Leben. Ich war unglaublich müde, meine Hände schmerzten und an manchen Tagen taten meine Füße derart weh, dass ich kaum den Gang durch den Supermarkt schaffte.

Das Hand-Fuß-Syndrom ist eine bekannte Nebenwirkung von bestimmten Chemotherapeutika.

Leider war das Syndrom bei mir extrem stark ausgeprägt. Meine Füße waren gerötet, geschwollen, an manchen Stellen sogar offen und brannten wie die Hölle. Als ich dann die Wahl hatte, mit den Chemo-Tabletten zu pausieren oder sie niedrig dosiert weiter einzunehmen, musste ich nicht lange überlegen – ich setzte sie kurzerhand ab. Im Nachhinein die richtige Entscheidung. Damit die Metastasen nicht wieder unbemerkt anfangen zu wachsen, muss ich nun alle drei Monate zur Kontrolluntersuchung.

 

„Mit Anfang 40 als berufsunfähig zu gelten, ist belastend“


Vor deiner Erkrankung hast du in der Medienabteilung des Wiener Neustädter Rathauses gearbeitet. Bist du nach der Brustkrebs-Therapie an deinen alten Arbeitsplatz zurückgekehrt?

Ich arbeite – trotz Berufsunfähigkeitspension – tatsächlich wieder im Rathaus, allerdings in einer anderen Funktion und Abteilung. Heute schreibe ich in erster Linie Pressetexte für das Stadttheater Wiener Neustadt und betreue die dortigen Veranstaltungen medial. Meine Arbeitszeit habe ich allerdings deutlich reduziert: Ich arbeite nur noch 28 Stunden im Monat. Es macht großen Spaß, wieder berufstätig zu sein, eine Aufgabe zu haben und ein wenig Geld zu verdienen.

Die Metastasen haben sich zurückgebildet – warum bist du dennoch nur geringfügig beschäftigt?

Die Metastasen sind zwar momentan unauffällig, dennoch gelte ich als unheilbar krank. Durch die zahlreichen Therapien hat meine körperliche Verfassung ziemlich gelitten. Ich bin schnell müde, habe oft Kopfschmerzen, spüre meine Leber dann und wann und auch die Knochen tun weh. Dazu kommen die starken Nebenwirkungen diverser Medikamente – von Bluthochdruck bis zu Sensibilitätsstörungen. An Vollzeit ist da leider nicht mehr zu denken. Deshalb befinde ich mich in Berufsunfähigkeitspension.

In Deutschland wäre das eine Erwerbsminderungsrente. Wie hast du dich gefühlt, als feststand, dass du nicht mehr voll arbeiten kannst?

Mit Anfang 40 auf Pension angewiesen zu sein und als berufsunfähig zu gelten, ist belastend – besonders, weil ich immer gerne gearbeitet habe. Dazu kommt, dass man mir die Krankheit nicht ansieht. Auch wenn grundsätzlich Verständnis vorhanden ist: Sich immer wieder erklären zu müssen, ist anstrengend. Als ich die zweite Chemotherapie hinter mir hatte, die Schmerzen langsam nachließen und ich mich endlich wieder besser fühlte, startete ich auf Facebook meinen Blog „Claudia’s Cancer Challenge“. Das Schreiben half mir, die Krankheit zu verarbeiten: Ich hatte ein „virtuelles Fenster“ nach draußen und es gab endlich wieder etwas zu tun. Ein wichtiger und richtiger Schritt – und nun habe ich es sogar wieder zurück ins Berufsleben geschafft.

Zur Person:

Claudia Altmann-Pospischek, 42, ist gebürtige Wiener Neustädterin, verheiratet, und hat fortgeschrittenen Brustkrebs mit Leber- und Knochenmetastasen (unheilbar).

Vor eineinhalb Jahren startete sie ihren Facebook-Blog „Claudia's Cancer Challenge“, der mittlerweile knapp 3.900 Follower zählt. Das Schreiben und der Austausch mit anderen Betroffenen helfen ihr, die Krankheit zu verarbeiten. Sie sieht sich selbst als „Brustkrebsaktivistin“, will ihre Erfahrungen weitergeben und anderen mit einer ähnlichen Diagnose Mut und Hoffnung machen.

Im Jahr 2016 wurde Altmann-Pospischek im Rahmen des Dancer against Cancer-Charity-Balls für ihren Facebook-Auftritt mit dem myAID-Award für Niederösterreich ausgezeichnet. Ein Jahr später folgte der „Löwenherz“ Preis in der Kategorie „Nachhaltigkeit“, mit dem der Verein Pro Niederösterreich jährlich soziales Engagement würdigt.

Bekommst du die Arbeit denn gut hin?

Natürlich gibt es immer mal wieder Tage, an denen es mir schlechter geht und ich Probleme habe, aus dem Bett zu kommen. Aber meine Chefs sind äußerst verständnisvoll. Sie sagten mir von Anfang an: „Mach, was du kannst und wo du es kannst.“ Was meine Arbeitszeiten anbelangt, bin ich somit flexibel. Mir ist bewusst, dass ich in dieser Hinsicht großes Glück habe – auch, weil ich mit Peter einen Mann an meiner Seite habe, der normal verdient. Wäre ich allein und hätte nur die Pension, würde ich nur schwer über die Runden kommen.

Birgt eine Erkrankung wie Brustkrebs ein Armutsrisiko?

Auf jeden Fall. Natürlich kommt es immer auf das Dienstverhältnis, die Dauer der Erkrankung und die familiäre Situation an, aber ich kenne viele Frauen, die nach der Brustkrebsdiagnose und entsprechender Therapie den Wiedereinstieg in den Beruf nicht mehr schaffen. Dann ist die finanzielle Situation oft prekär und macht Sorgenfalten.

 

„Jeder Fall ist anders“


Zum Thema Brustkrebs gibt es im Internet eine Menge Informationen. Über das Leben mit Metastasen liest man hingegen wenig. Fühltest du dich dennoch ausreichend informiert?

Nein. Nach der Metastasen-Diagnose fühlte ich mich tatsächlich ziemlich allein und hätte mir mehr Informationen gewünscht. Was mir aber vor allem fehlte, war der Austausch mit anderen Betroffenen. Ich kannte einfach niemanden, der ebenfalls metastasiert war.

Andere Frauen mit Brustkrebs waren keine guten Gesprächspartnerinnen?

Manche schon. Für viele ist das Thema „Metastasen“ allerdings ein großes Tabu.

Wie meinst du das?

Ein Beispiel: Als ich in der Reha war, erzählte ich in kleiner Runde, dass mein Tumor bereits gestreut hatte – einige der anderen Frauen wichen förmlich zurück. Ich kann das auch verstehen, dennoch war es keine erbauliche Erfahrung. Diese Frauen befanden sich auf dem Weg der Heilung und wollen mit der Krankheit abschließen. Als ich mit meinen Metastasen daherkam, sah ich in ihren Augen die Angst, dass es ihnen zu einem späteren Zeitpunkt möglicherweise ähnlich ergehen könnte. Eine schwierige Erkenntnis für alle in dieser Runde.

Hast du inzwischen andere Betroffene gefunden, mit denen du dich austauschen kannst?

Ja. Ich habe im Laufe der Zeit eine großartige Community aufgebaut und bin auch Mitglied in diversen themenspezifischen Facebook-Gruppen. Mit manchen Mädels schreibe ich im Netz, mit anderen treffe ich mich auch persönlich. Das Verständnis und die Wertschätzung in diesen Gruppen sind fantastisch. Zudem finde ich die „Schwarmintelligenz“ der Community äußerst beeindruckend und hilfreich. Wenn ich erkläre, welches Medikament ich demnächst bekommen soll, informieren mich die anderen sofort, auf welche Nebenwirkungen ich mich einstellen sollte.

Durch den Kontakt zu anderen Betroffenen mit fortgeschrittenem Brustkrebs wirst du auch immer wieder mit dem Tod konfrontiert. Wie gehst du damit um?

Mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert zu werden, ist eine schwierige Grenzerfahrung. Stirbt jemand aus der Gruppe, ist das jedes Mal furchtbar schmerzhaft. Automatisch zieht man in solch einer Situation schnell Vergleiche mit dem eigenen Krankheitsverlauf. Hier versuche ich mich bewusst abzugrenzen und mir zu sagen: Jeder Fall ist anders. Laut Statistik habe ich eine ungünstige Prognose. Aber: Ich lebe noch immer – und das überaus glücklich!

Kannst Du die Metastasen in deinem Körper auch mal vergessen?

Ja, wenn ich mit meinem Mann verreise. Am allerliebsten nach England. Steige ich in den Flieger ein, kommt meine Krankheit nicht mit. Die lasse ich zu Hause.


Anmerkung der Redaktion: 

Vor wenigen Wochen und nachdem wir das Interview geführt haben, wurde bei Claudia eine Metastase in der Leber gefunden. Diese wurde am 24. Mai – zusammen mit einer weiteren, zuvor nicht sichtbaren – chirurgisch entfernt. Auch ein Lymphknoten musste herausgenommen werden. Wir wünschen Claudia viel Kraft, alles Gute und gute Besserung!

 

23. Mai 2018

Fotos: privat

Stella Hombach

Von Stella Hombach
E-Mail-Adresse: stella.hombach@amoena.com



   
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