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„Für mich war Arbeit die beste Therapie“

„Für mich war Arbeit die beste Therapie“

Nicole Staudiner hatte Brustkrebs mit BRCA-Mutation. Noch bevor die Therapie vollständig abgeschlossen war, begann sie wieder zu arbeiten. Parallel schrieb sie ihr erstes Buch „Brüste umständehalber abzugeben“. Im Interview erzählt Staudinger, warum der Beruf für sie gerade in dieser Zeit so wichtig war.

 

Redaktion: Vor drei Jahren wurde bei Ihnen erblich bedingter Brustkrebs diagnostiziert – Sie entschieden sich für die beidseitige Mastektomie. Noch während der Bestrahlung kehrten Sie in Ihren Job zurück. War das nicht ziemlich früh?

Nicole Staudinger: Im Gegensatz zur Chemotherapie habe ich die Strahlentherapie sehr gut verkraftet. Abgesehen von leichten Hautrötungen hatte ich kaum Nebenwirkungen – und gegen den kleinen „Sonnenbrand“ half Puder. Wieder zu arbeiten, tat mir einfach gut. Der Job brachte mich auf andere Gedanken, gab mir ein Stück Normalität zurück und lenkte mich ab.

Wovon?

Von dem, was ich erlebt hatte. Diagnose, Operation, die Expander in meiner Brust zur Vorbereitung des Brustaufbaus. Die Arbeit zeigte mir außerdem, dass ich noch da bin, dass die Krankheit mich nicht besiegt hatte. Als Freiberuflerin konnte ich allerdings auch selbst entscheiden, wann und wie viel ich arbeite. Mein Wiedereinstieg war in dieser Hinsicht recht komfortabel.

Sie geben Schlagfertigkeitsseminare für Frauen. Haben Sie den Teilnehmerinnen von der Krankheit erzählt?

Dass ich Krebs hatte, war kaum zu übersehen. Meine Haare waren noch nicht voll nachgewachsen und eine Perücke wollte ich nicht tragen. Als ich die Frauen begrüßte, sagte ich Ihnen dann kurz, dass ich Brustkrebs hatte, es mir nun aber wieder besser ginge. Die meisten waren ziemlich geschockt. Nach dem Seminar bekam ich jedoch viele Komplimente – für meine Arbeit, aber auch dafür, wie offen ich mit der Krankheit umgehe.

 

„Den Begriff Work-Life-Balance finde ich heute absurd“

 

Bei existenziellen Erkrankungen fallen Selbstständige in Deutschland leicht durch die Maschen der sozialen Netze, weil sie keinen Anspruch auf Krankengeld haben.

Das ist in der Tat ein Problem. Vielen Freiberuflern droht bei der Diagnose Krebs der finanzielle Ruin. Ich hatte zum Glück vorgesorgt und eine private Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen. Mit dem Geld war ich einigermaßen abgesichert. Außerdem bin ich verheiratet, wir hatten also noch das das volle Gehalt meines Mannes.

Wann haben Sie sich wieder komplett einsatzfähig gefühlt?

Etwa drei Monate nach der Chemotherapie. Da hatte ich die Fatigue, das chronische Erschöpfungssyndrom, überwunden. Haare, Augenbrauen und Wimpern kamen wieder und mein Gesicht sah langsam wieder normal aus.

Was war mit Ihrem Gesicht?

Gegen die Nebenwirkungen bekam ich unter anderem Kortison, durch das ich ziemlich aufschwemmte. Ich sah aus wie ein prall aufgepumpter Luftballon. Mein Aussehen war mir eigentlich nie besonders wichtig; mit der Glatze hatte ich die Krankheit jedoch jeden Tag vor Augen. Obwohl es mir körperlich wieder gut ging, konnte ich so nicht mit dem Krebs abschließen. Als die Haare dann langsam wuchsen, merkte ich: Ich bekomme mein Leben wieder, bin keine Patientin mehr – und werde auch nicht mehr als solche wahrgenommen. Der Weg zurück in den Job war auch meine Art, mein Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen.

Hat sich Ihr Verhältnis zum Beruf durch die Erkrankung verändert?

Beruflich würde ich heute nichts mehr machen, hinter dem ich nicht auch persönlich stehe – dafür ist mir meine Lebenszeit zu schade. Den Begriff der Work-Life-Balance finde ich mittlerweile tatsächlich absurd. Meiner Meinung nach lassen sich Arbeit und Leben nicht voneinander trennen. Meine Seminare gebe ich daher nicht nur, um Geld zu verdienen, sondern vor allem, weil sie mir Spaß machen.

Zur Person

Nicole Staudinger wurde 1982 in Köln geboren. Als ausgebildete Verlagskauffrau arbeitete sie mehrere Jahre im Verlagswesen. Anschließend absolvierte sie bei der Industrie- und Handelskammer eine Weiterbildung zur Trainerin. 2014 erkrankte sie im Alter von 32 Jahren an Brustkrebs. Ihre Erfahrung mit der Krankheit hat sie in dem Buch „Brüste umständehalber abzugeben“ aufgeschrieben. Staudinger ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Ihre Bücher wurden Bestseller

 

Die schwere Krankheit hat Sie also in ihrer Entscheidung zur Selbstständigkeit bestätigt.

Absolut.

Was hat sich noch geändert?

Der Krebs hat mich mutiger gemacht. Letztens fragte mich ein Unternehmen, ob ich einen meiner Vorträge auch auf Englisch halten könnte. Ich sagte sofort ja – früher hätte ich gezögert und gezweifelt, ob ich das tatsächlich kann. Mein Fachenglisch ist zwar nicht schlecht, über Gefühle zu reden, war für mich jedoch völlig neu. Ich sprang also ins kalte Wasser, überwand die Angst und lernte, dass ich nicht immer perfekt sein muss. Dass ich im Vortrag ab und zu ein bisschen stotterte oder mir mal ein Wort nicht einfiel, störte am Ende niemanden.

2015 erschien Ihre Autobiografie „Brüste umständehalber abzugeben“ und wurde zum Bestseller. Mit der Arbeit zu dem Buch begannen Sie nach der zweiten Chemotherapie. War das Schreiben Ablenkung oder eine Methode, die Krankheit zu verarbeiten?

Es war ein Bedürfnis und es gab mir das Gefühl, dem Krebs nicht ausgeliefert zu sein. Ich hatte vorher nie geschrieben, hatte auch nicht vorgehabt, aus meinen Erlebnissen ein Buch zu machen. Als ich den Text dann meinem Mann und meiner Mutter zeigte, überredeten sie mich, ihn zu veröffentlichen – oder es wenigstens zu versuchen. Der Verlag, an den ich ihn schickte, sagte sofort zu. Ich hatte Glück.

Der Erfolg des ersten Buches brachte Sie dazu, ein zweites zu schreiben: „Die Schlagfertigkeitsqueen“. Sind Sie dem Krebs heute in gewisser Weise dankbar?

Darüber habe ich viel nachgedacht – aber nein. Die Bücher sind entstanden, weil ich krank war, das stimmt. Letztendlich war jedoch ich es, die die Bücher geschrieben hat, nicht der Krebs. Was mir aber wichtig ist: Für mich persönlich waren die Arbeit und das Schreiben die beste Therapie. Nur weil es für mich so war, muss das jedoch nicht für andere Frauen gelten. Jede Frau, jeder Mensch muss seinen eigenen Weg durch die Krebserkrankung finden. Für andere Frauen muss das aber nicht gelten.

 

21. Juli 2017

Foto: Kristina Malis

Stella Hombach
Von Stella Hombach
E-Mail-Adresse: stella.hombach@amoena.com

 

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