Was kann eine Kunsttherapie bewirken?
Man erfährt dort viel über sich selbst. Kreativ zu sein - egal ob mit Textilien, Holz, Ton oder Farben - ist das Wiederaufgreifen eines Lebensfadens, der durch eine existentielle Krise wie Krebs häufig verloren ging. In einer solchen Krise verfügt man meistens nicht mehr über die sonst üblichen Möglichkeiten, ein Problem anzugehen, wie Analysieren, Reden usw. Sie werden angesichts der Krise wertlos. Krebs ist eine übermächtige Bedrohung und die eigenen Ressourcen sind erschöpft. Malen kann helfen, die aktuelle Befindlichkeit auszudrücken. Auf dem Papier betrachten wir sie und versuchen, sie greifbar zu machen.
Es gibt verschiedene Ansätze: Manche Therapeuten geben ein Thema vor. Bei mir darf jeder malen was er will. Wichtig ist, dass Teilnehmer und Therapeut über das jeweilige Bild eine Beziehung aufnehmen. Wir schauen uns in der Gruppe alle Werke nacheinander an und reden dann darüber. Ich lege großen Wert darauf zu erfahren, wie das Bild entstanden ist. Aus welcher Stimmung heraus ging der Maler an die Arbeit? Gab es Störungen, z.B. dass der Teilnehmer eigentlich eine andere Farbe verwenden wollte, aber aus irgendeinem Grund davon abgekommen ist? Die Antworten können ein guter Einstieg sein, über seine Befindlichkeit zu reden. Meist erkennt man sie auf dem Papier wieder. Ein Bild kann der Türöffner zur Seele sein. Die Betroffenen drücken etwas aus, können es aber nicht verbal formulieren. So finden sich nicht nur Ängste und Hemmungen, sondern auch Träume und geheime Hoffnungen in den Werken wieder.
Das ist meine Aufgabe. Dabei kann z.B. helfen, dass ich das Werk eines bekannten Künstlers, der ähnlich wie der Kursteilnehmer gearbeitet hat, neben sein Bild stelle und wir nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden suchen. Oder ich spreche die Kombination der Farbtöne an: Harmonieren die Farben, oder wirkt das Bild eher schrill? Diese Auseinandersetzung ist häufig ein Hilfsmittel zur Auflösung der gemalten Symbolik. Ich motiviere die Teilnehmer auch künstlerisch. Jeder kann sich lockern und den Mut zum eigenen Ausdruck finden.
Zunächst ist es natürlich die Arbeit in der Gruppe, also mit den anderen Betroffenen, die hilft. Daneben sind viele froh, sich konstruktiv mit ihrer Krankheit auseinandersetzen zu können und so selbst etwas zur Heilung beizutragen. Das macht die Kunsttherapie zu einer wichtigen Sache - auch wenn sie manchmal verdrängte Probleme wieder auftauchen lässt. Doch eine Kunsttherapie geht weit über den Krebs hinaus. Sie macht Mut , sie macht frei und kommt den Ursprüngen vieler Verhaltensmuster auf die Spur. So lernt man etwas über sich, das man im Alltag umsetzen kann: z.B. Wie man Konflikten und Problemen begegnen, seine Stärken nutzen und positive Energien wieder entdecken kann. Daneben verschafft das kreative Arbeiten viele Erfolgserlebnisse.
Unsere Teilnehmer müssen keine Rembrandts sein. Ein starkes, authentisches Bild ist immer wunderbar. Fast alle finden Spaß am Malen. Viele ehemalige Laien in unserer Gruppe stellen heute selber aus.